Und was halten Sie von der documenta? Die junge Pressephotograph und Kunstfreundin aus Hamburg zögerte keinen Augenblick mit der Antwort: "Am liebsten würde ich die ganze Ausstellung kaufen!" Das Bedauern darüber, daß sie in der Wahl ihrer Eltern nicht die nötige Vorsicht hatte walten lassen, blieb unausgesprochen; denn an der Verwirklichung ihres Wunsches fehlte ihr die Kleinigkeit von 16 Millionen Mark. Das ist der Betrag, mit dem die 4. documenta versichert ist, und er dürfte in etwa dem Marktwert der rund tausend Bilder, Skulpturen, Graphiken und Objekte entsprechen, die in Kassel zusammengetragen sind.

"Ein Museum für 100 Tage" ist die documenta – von ihrem Initiator Professor Arnold Bode – genannt worden. Bei aller Verehrung für Arnold Bode, diese Kennzeichnung trifft haarscharf daneben. Es ist mit ein Verdienst Bodes, daß die documenta kein Museum ist, sondern vielmehr ein Supermarkt, wahrscheinlich der faszinierendste Supermarkt der bildenden Kunst der Gegenwart seit Jahren.

Markt und Kunst, dieser Zusammenhang mag manchem, der es mit dem "Schönen, Guten und Wahren" hält, als ein Sakrileg erscheinen. Es hieße jedoch die Augen vor der Wirklichkeit verschließen, wollte man nicht wahrhaben, daß "solange Kunst überhaupt nach Brot geht, sie derjenigen ökonomischen Formen (bedarf), die den Produktionsverhältnissen unserer Epoche angemessen sind". Dieser einsichtsvolle Satz stammt von keinem geringeren als Professor Theodor W. Adorno, dem ein gut Teil der geistigen Munition zu verdanken ist, die zur Eröffnung der documenta von zornigen Kulturrevolutionären verschossen worden ist.

Einer der Musterschüler Adornos, der Dozent für Ästhetik an der Hamburger Kunstakademie, Bazon Brock, überraschte – und überzeugte – den documenta-Rat, den vielgescholtenen, mit der Erkenntnis, daß eine der möglichen und legitimen "Aneignungsformen" der Kunst die des Erwerbs sei. Wie dem auch sei, die Kasseler documenta bietet diese Möglichkeit: Die Mehrzahl der dort ausgestellten Kunstwerke ist zu haben, gegen Mark und Pfennig.

Es ist kein Geheimnis, daß es den Veranstaltern der documenta wie auch den dort vertretenen Künstlern überaus recht und angenehm wäre, wenn von dieser Möglichkeit reger Gebrauch gemacht würde. Kunstbegeisterung ist eine schöne Sache, es ist eine um so schönere Sache, wenn sie sich in Ankäufen manifestiert.

Tatsache ist, daß auf der 4. documenta bereits innerhalb der ersten vierzehn Tage größere Umsätze erzielt worden sind, als es sich der staunende Laie träumen läßt. Noch während am Vormittag des 27. Juni im Garten der Galerie an der Schönen Aussicht feierliche Eröffnungsreden gehalten und Flugblätter gegen die documenta verteilt wurden, fanden sich im Fridericianum die ersten Interessenten für das verlockende Angebot der "documenta-Foundation e. V." ein.