Von Ben Witter

Wir tranken Cola. "Hätte ich 1928 den Rat von Alfred Flechtheim befolgt", sagte Max Schmeling, "und ein paar von den Picassos gekauft, die er gerade in seiner Galerie ausstellte, sie kosteten ein paar tausend Mark, wieviel wären diese Bilder wohl heute wert? ... Sie wissen ja, Flechtheim gab doch den ‚Querschnitt‘ heraus."

Ich sagte: "Ein gut erhaltenes Querschnitt-Heft kostet heute mindestens fünfzehn Mark antiquarisch, und was Picasso betrifft..."

"Als ich nach Berlin kam", unterbrach mich Max Schmeling, "schleppte man mich gleich ins Romanische Café. Intellektuelle begeisterten sich damals für Berufsboxer. Der Bildhauer Rodolph Belling machte einen Torso von mir, Ernesto de Fiori eine ganze Bronzefigur, George Grosz malte mich, der Maler Max Pechstein war mit dem Zeichner Jules Pascin zusammen, in Frankreich hält man heute mehr von ihm als hier, und ich sah ein Stück von Ernst Toller. Der Dichter Klabund arbeitete an seinem Kreidekreis, Tucholsky war da und Otto Zarek, der Dramaturg der Saltenburg-Bühnen. Er hatte mit seinem Roman Begierde Aufsehen erregt. Das war eine erotische extravagante Geschichte unter Primanern in einer Villa im Grunewald ... Wissen Sie, ich habe immer aufmerksam zugehört und sagte mir: du bist ein einfacher Mann, und was du nicht auf der Schule gelernt hast, muß dich das Leben lehren."

"Wieviel der Torso von Belling, die Bronzefigur von Fiori und das Porträt von Grosz wohl heute kosten", sagte ich.

Max Schmeling krümmte seinen Zeigefinger und schob den Daumen darunter, als hätte er plötzlich einen Federhalter dazwischen. Dann sagte er: "Ich habe im Sportpalast mit Heinrich Zille geredet, viel war es nicht. Und Marlene Dietrich lernte ich auf der Wohltätigkeitsveranstaltung Die Nacht der weißen Bettchen in der Scala kennen. Zu der Zeit spielte sie in dem Stück Die zwei Krawatten; der Blaue Engel war noch nicht gedreht. Lil Dagover wandelte in einem griechischen Gewand über die Bühne, wie ein Engel, sage ich Ihnen, in der Hand eine Lilie. Und ich mußte ein paar Worte sagen. Übrigens weiß ich noch, wo Fritz Kortner wohnte, in der Max-Eyth-Straße Nummer fünf im Grunewald, und Ernst Deutsch in der Bendler-Straße. Bei George Grosz in der Nassauischen Straße, die beiden letzten Hausnummern fehlen mir, begegnete ich dem Schriftsteller Walter Mehring, Grosz hatte ihn gemalt."

Max Schmeling redete ziemlich schnell und stieß mit seiner Zungenspitze öfter an die Zähne, das gab leise Zischlaute. "Was in den Jahren eine flüchtige Bekanntschaft war, ist heute in den meisten Fällen eine freundschaftliche Beziehung geworden", sagte er. Er hielt die Füße nach innen. Das wirkte unbeholfen, paßte aber ein wenig zu dem Nachsatz: "Wenn ich bedenke, wer von meinen Freunden emigrieren mußte und wie einige endeten und was noch dazu zu sagen wäre..."