"Und beinahe wären Sie Verleger geworden, wenn es mit Axel Springer geklappt hätte", sagte ich.

Max Schmeling überlegte, ob er stehen bleiben sollte oder nicht; er machte ein paar Schritte nach rechts und war mit einem Satz wieder neben mir, das war ein Sidestep. Dann sagte er: "Ich schleppte ihn in seinem alten Opel P 4 von Bendestorf, dem Heideort vor Hamburg, in die Stadt. Der P 4 hatte unter einem Heuhaufen in einer Scheune gestanden. Solange Axel Springer mit dem Vorbild der nationalsozialistischen Jugend liiert sei, hörten wir an einem Julitag 1945 im Radio Hamburg, werde ihm eine Lizenz verweigert. Axel Springer war im Begriff, einen Schulbuch-Verlag zu gründen, die ‚Schatzinsel‘ von Stevenson sollte zuerst herauskommen. Und wären wir Partner geworden, ich hätte mich gründlich auf meine künftige Verlagstätigkeit vorbereitet, schließlich habe ich in einer Annoncenexpedition gelernt. Zwischen den Engländern und mir ergaben sich allerdings einige Mißverständnisse. Ich zog mich zurück. Der Gedanke, bald haben wir eine Demokratie, gab mir Mut... Sagte doch kürzlich ein Student zu mir, im Dritten Reich hätte es wenigstens Ideale gegeben! Aber was für welche, antwortete ich, die Demokratie ist doch auch ein Ideal. Mein Leitwort ist und bleibt Toleranz. Manchmal gefallen mir die Gammler besser als die Studenten, sie handeln konsequent."

"Sie können wirklich zufrieden sein", sagte ich.

"Ja, und ich bin dem Sport dankbar." Max Schmeling blieb stehen. "Welche Möglichkeiten haben sich durch ihn für mich eröffnet. Ich denke an Mr. Farley. Er war Präsident der New Yorker Boxkommission, bevor er Roosevelts Wahlkampf managte. 1940 überwarf er sich mit Roosevelt und wurde Präsident der Exportcorporation von Coca-Cola. Er hat mir geholfen, ins Geschäft einzusteigen."

Max Schmeling schloß seine Hand zur Faust, drückte und drückte, und ich hatte den Eindruck, mit seinen Gedanken ist er bei seinen Boxhandschuhen und sieht sie an einem Nagel hängen. Dann lockerte er seinen rechten Arm und sagte: "Wo ich zur Schule gegangen bin, fahre ich täglich vorbei. Als sie ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte, wurde ich eingeladen, und da hieß es, ich wäre ein Musterschüler gewesen. Ich war nur nicht laut und habe mich nie geprügelt und immer gut aufgepaßt. Das Schicksal bestimmt es immer richtig."

Wir betraten den Ohlsdorfer Friedhof. "Ich besuche schnell meine Mutter", sagte Max Schmeling,"mein Vater starb mit zweiundfünfzig, meine Mutter wurde neunundsiebzig. Sie hatten sich das Grab rechtzeitig gekauft. Hätten meine Frau und ich uns immer dort, wo wir wohnten, ein Grab gekauft, wäre das Geld verloren gewesen. Ich spreche mit meiner Frau aber nie über den Tod. Der Tod ist bei uns tabu."

Ich sah Max Schmeling an, bis er mich auch ansah.