"Wir führen seit fünfunddreißig Jahren eine wunderbare Ehe", sagte er und machte dabei ein Gesicht, als wollte er sich entschuldigen, es nicht schon früher gesagt zu haben. "Wir hatten einen Sohn, der starb, als er sieben Monate alt war." Ich erwartete eine kurze Pause, aber er sagte im gleichen Atemzug: "Und als ich zweiundzwanzig wir, hatte ich einen Motorradunfall. Meine Mutter saß im Beiwagen. Ihr und mir passierte überhaupt nichts, aber meine Schwester, die auf dem Soziussitz saß, stürzte und prallte mit ihrem Kopf gegen einen Pflasterstein. Sie starb. Die Ärzte meinten, sie hätte sowieso nicht lange gelebt. Sie hatte Diphterie gehabt und trug längere Zeit eine Kanüle im Hals. Das sollte eine Art Trost für mich sein. Meine Schwester starb mit vierzehn."

Auf dem Grab lagen keine frischen Blumen; doch die grünen Pflanzen auf dem Grab, wenn auch nicht ganz geschlossen, paßten zu dem heller. Grau des Steins.

Max Schmeling wandte sich ab und ging voran, Als ich wieder neben ihm war, sagte er: "Vor zwei Tagen feierten meine Frau und ich unseren fünfunddreißigsten Hochzeitstag. Ein Pastor aus dem Niemöller-Kreis hatte uns getraut. Er ging in die Schweiz. Unsere Silberhochzeit feierten wir in seiner kleinen Kirche in Winthertur, und bei ihm zu Hause wurde es noch feierlicher. Die Tür zum Nebenzimmer ging auf, und ein Mädchenchor sang. Meine Frau war katholisch, trennte sich aber früh von ihrer Kirche. Ich bin Protestant. In Dahlem hörten wir die Predigten von Martin Niemöller."

Ein Hase huschte über den Weg.

Max Schmeling blieb stehen und sagte wieder mit einem leichten Zischlaut: "Ich bin Jäger, schieße aber nur, was unbedingt abgeschossen werden muß. In Gegenwart meiner Frau schieße ich nicht. Sie sitzt häufig neben mir auf der Kanzel. Wir beobachten stundenlang das Wild."

"Hat sich denn nie wieder ein katholischer Geistlicher bei Ihnen blicken lassen?" fragte ich.

Doch, vor kurzem klingelte einer. Ich sagte: "Wir sind auch so gute Christen, und er möge uns verstehen ... Als ich von Papst Pius XII. empfangen wurde, das war im Krieg, und ich mußte im Auftrage des Auswärtigen Amtes nach Rom, die Engländer hatten gemeldet, Primo Camera sei von Partisanen erschossen worden, ich fand den Meisterboxer aber lebend vor... damals hatte man die Audienzen weitgehend eingeschränkt. Das wird daran gelegen haben, daß SS-Leute mit Heil Hitler, Herr Papst gegrüßt hatten. Der Papst erzählte mir vom Bergsteigen, das war sein Sport gewesen, und von Berlin. Er wußte alles über meine Frau und mich. Zum Schluß sagte er: Ich bete für einen baldigen Frieden. Das gab ich nach Berlin weiter. In Berlin wollte man Ich bete für einen baldigen Sieg daraus machen. Das konnte ich aber verhindern. Der deutsche Botschafter war Rudolf Rahn. Er ist heute auch in der Getränkeindustrie tätig. Mit Rahn konnte ich offen reden; und über Reichsleiter Bouhler half ich nicht nur dem österreichischen Schwergewichtler Heinz Lazek, der mit einer Jüdin ein Kind gezeugt hatte."