Von Dietrich Strothmann

Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, mit einem Anhang, 40 Bildern und einem Beiheft, Chr. Kaiser Verlag, München; 1128 Seiten, Leinen, 46,– DM.

Am Morgen des betreffenden Tages etwa zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen, darunter Admiral Canaris, General Oster... und Reichsgerichtsrat Sack aus den Zellen geführt und die kriegsgerichtlichen Urteile verlesen. Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlichen sympathischen Mannes hat mich auf das tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefaßt die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen."

Dies schrieb der Lagerarzt von Flossenbürg, H. Fischer-Hüllstrung. Es war der 9. April 1945. Die Leichen der Exekutierten und ihreHabe wurden verbrannt. Der Pastor und Mitverschwörer vom 20. Juli 1944, Dietrich Bonhoeffer, war damals 39 Jahre alt. Sein "Grenzfall", die Teilnahme eines Theologen, aufgerufen der Obrigkeit gegenüber gehorsam zu sein, an einem Attentat auf das Staatsoberhaupt, wenngleich es ein Tyrann war, hatte sich in jenem Morgengrauen unter dem Galgen im Vernichtungslager Flossenbürg entschieden. Das Leben eines Christen, der zum Zeitgenossen geworden war, hatte sich erfüllt.

Erfüllt hatte sich mit diesem einen Leben aber auch ein Auftrag an die Kirche: ernst zu machen mit der Welt, als Gemeinschaft der Gläubigen in der Gesellschaft zu handeln – nicht mit der Bibel unter dem Arm, nicht mit konfessionellen Ansprüchen und landeskirchlichem Autoritätsgebaren, sondern mit dem Engagement des Zeitgenossen für die Überwindung der Nöte und Gefährdungen der Zeit, und sei es, in einer äußersten Situation, einem "Grenzfall", mit Gewalt. Praktiziertes Christentum mögen das die einen nennen, "Theologie der Revolution" die anderen. Für das immerhin, was in den vergangenen Tagen auf der 4. Konferenz des Weltkirchenrates in Uppsala gefordert wurde, hat Dietrich Bonhoeffer denkend und handelnd auf seine Weise den Weg gewiesen.

Er war einer der ersten aktiven Mitarbeiter der ökumenischen Bewegung, er begriff früh den heiligen Zwang und die heilende Notwendigkeit zum weltweiten Zusammenschluß der Kirchen, und er war zu seiner Zeit einer der wenigen aus dem Kreis der Pastoren und Theologen, die aus christlichem und politischem Gewissen tätig wurden. Er war, ohne sich jemals dessen klar zu sein oder sich auch nur für einen Augenblick seines Märtyrertums bewußt zu werden, ein Beispiel – für seine Kirche wie für sein Land. Ruhm ist ihm nicht angemessen, wohl aber Andenken, Erinnerung.

Dazu hat nun einer seiner Freunde und Schüler, Eberhard Bethge, in einer meisterhaften Biographie beigetragen. Dieses Buch ist ein Ereignis, in aller gebotenen Nüchternheit sei es so gesagt. Von nicht vielen Lebensbeschreibungen deutscher Autoren könnte Ähnliches behauptet werden. Hier liegt eine große Arbeit vor, eine bewegende, spannende, sprachlich glänzende, materialreiche Schilderung eines erregenden Lebens. Die deutsche Biographie der Nachkriegszeit hat einen Höhepunkt erreicht.