Von Ludwig Zimmerer

Frage an Radio Eriwan: Was ist im Kommunismus am schwersten vorauszusagen?

Antwort: Die Vergangenheit.

Vergangenes bringt keinen Reis mehr in die Schüssel Altchinesisches Sprichwort

Warschau, im Juli

Bei den ZK-Sitzungen hatte Gomulka bisher immer das letzte Wort. Seine Schlußreden, manchmal apodiktisch-autoritär, manchmal eindringlich-beschwörend, glichen immer Anweisungen eines Chefs, der, durch Erfahrungen gewitzt, glaubt, seine Partei am kurzen Zügel halten zu müssen. Es waren die Reden eines Mannes, der dem Prinzip der Diskussion abhold ist, Kritik wenig schätzt und die Einmütigkeit der Partei auf der von ihm selbst bestimmten Linie über alles stellt. Diesmal klang seine Schlußrede wie das Wort eines alt und weise gewordenen Staatsmanns, der dunkle, schon nicht mehr zu bannende Gefahren heraufziehen sieht und resigniert feststellen muß, daß viele seiner Hoffnungen nicht in Erfüllung gegangen sind.

Seine Rede wollte er als Diskussionsbeitrag betrachtet wissen. Bei der Ausarbeitung der Thesen für den Parteitag im November habe es im Politbüro da und dort verschiedene Meinungen gegeben, so sagte er; und das sei gut so, da es anders nicht zu einer schöpferischen Diskussion kommen könne. Bei der großen Debatte solle auch die Kritik zu Wort kommen, selbst die ungerechtfertigte, denn auch sie trage zur Klärung bei. Die Diskussion solle offen und nicht hinter den Kulissen geführt werden. Auf dem ZK-Plenum und vor allem in der Gomulka-Rede ist die Krise der Partei aktenkundig geworden. Schon die überraschenden Sätze von der Heilsamkeit der Diskussion bargen das Eingeständnis, daß das bisherige Programm ausgezehrt und nicht mehr so recht verwendungsfähig ist.