Von Theo Sommer

Noch immer ist nicht zuverlässig auszuschließen, daß über Osteuropa nicht abermals die Lichter ausgehen. Das aufgeregte Hin und Her der Meldungen über den Abzug der fremden Truppen aus der Tschechoslowakei, der sorgsam koordinierte Nervenkrieg der sowjetischen, polnischen und ostdeutschen Presse gegen Prag, schließlich die ominöse Warschauer Geheimkonferenz – all dies nährt Unsicherheit und Furcht.

Die Orthodoxen im Ostblock tun sich schwer mit ihrer Entscheidung. Sollen sie das tschechoslowakische Experiment mit dem Sozialismus stirnrunzelnd dulden? Sollen sie die Reformer mit dem ideologischen Bannstrahl belegen und wirtschaftlich aushungern? Oder sollen sie am Ende doch der Versuchung zum militärischen Eingreifen nachgeben?

Die Antwort der Hierarchen wird auf mindestens ein Jahrzehnt das Gesicht des abendländischen Kommunismus bestimmen. Von ihr hängt es ab, ob Osteuropa erst einmal wieder in die sterile stalinistische Einheitsschablone gepreßt wird oder ob es nun endlich den Schritt zu einem lockeren, aber dafür dauerhaften Kommunismus der Vielfalt tun kann: einer Vielfalt der Kommunismen. Zugespitzt ließe sich sagen, daß wir nach dem Zweiten Weltkrieg die Kommunisierung des Balkans erlebt haben, daß wir heute jedoch Zeugen des entgegengesetzten Prozesses sind, nämlich der Balkanisierung des Kommunismus.

Für die Sowjets ist das schwer zu verwinden. Die Fliehkräfte im eigenen Lager widersprechen allem, was sie seit einem halben Jahrhundert gelernt haben. Ihnen war eingebleut worden, daß es zwischen kommunistischen Staaten keine Interessengegensätze geben könne; und in den dreißiger Jahren noch galt Bucharins Satz als unerschütterliches Dogma: "Es kann keinen Zweifel geben, daß sich nach einem bestimmten Entwicklungsstadium ungeheuer starke Zentripetal-Tendenzen geltend machen werden, Tendenzen in Richtung auf eine Staatenunion der proletarischen Republiken." In Wahrheit trat das genaue Gegenteil ein. Erst sprang Jugoslawien ab, dann China und Albanien; danach begann Rumänien einen eigenen Kurs zu steuern; jetzt sind die Tschechen und die Slowaken aus der Reihe der rechtgläubigen Orthodoxie getanzt. Der Traum von der Union proletarischer Republiken ist verflogen.

Die Wirklichkeit der Entwicklung gestattet bestenfalls das Zukunftsbild eines Systems kommunistischer Staaten, die ihren Marx ganz unterschiedlich auslegen und anwenden; die ihre nationalen Interessen souverän definieren; die Solidarität in der Freiheit des gleichgerichteten Gesinnungsantriebes suchen, nicht mehr in dem Zwangsmuster der Gleichschaltung, das ihnen die Moskauer Zentrale aufstülpt. Die zentrale Frage dieser Tage ist, ob sich die Sowjets zu solch einem fortschrittlichen Verständnis kommunistischer Zukunft verstehen können.

Die Verlegenheit der Kremlführer ist groß. Sie verabscheuen, was in Prag vor sich geht. Nicht nur, weil sie in dieser vorgeschobenen Glacis-Stellung ihres Imperiums keine militärpolitischen Risiken laufen wollen, sondern vor allem, weil sie den böhmischen Bazillus fürchten wie die Pest. Deswegen pochen sie energischer auf "eiserne Disziplin" als jemals seit Stalins Tod; deswegen machen sie ihre aufbegehrenden jungen Schriftsteller und Wissenschaftler mundtot; und deswegen unternehmen sie immer verzweifeltere Anstrengungen, die Einheit der auseinanderstrebenden kommunistischen Weltbewegungen wieder zu festigen.