Von Günther Rennert

Mozarts "Don Giovanni" habe ich mehrere Male inszeniert: in Hamburg 1949, in Vancouver 1959 (mit George London und Joan Sutherland), in Glyndebourne 1960 und zum zweitenmal in Hamburg, ebenfalls 1960. Bei den drei ersten Inszenierungen entschied ich mich für das originale Italienisch, die letzte spielten wir in der Levi-Übersetzung.

Seit diesem zweiten Hamburger "Giovanni" wurde ich wiederholt vor die Frage gestellt, das Stück wieder zu machen – in Glyndebourne, München und Stuttgart (mit Boulez). Ich lehnte ab, da ich nach viermaliger Auseinandersetzung mit dem Werk und seiner Problematik keine Konzeption fand, die ich erneut glaubte zur Diskussion stellen zu können.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich glaube nicht an die Möglichkeit, für diese Partitur auch nur annähernd eine szenische Entsprechung finden zu können, ich halte sie für szenisch unrealisierbar. Was veranlaßt mich zu dieser Kapitulation?

Das erste Textbuch verwendet für das Werk die Bezeichnung "dramma giocoso", also "heiteres Drama", der Zettel der Wiener Erstaufführung spricht sogar von "Singspiel". Dabei weiß jeder Mozartkenner, daß die musikalischen Begriffe des 18. Jahrhunderts: Opera seria, opera buffa und Singspiel durch die Mozartsche Musiksprache erweitert und vertieft wurden. Aber die stilistischen Gegensätze, die auf der Gegenüberstellung von "buffa" und "seria" beruhen, bestehen dennoch – wobei nicht die Stilelemente der alten Opernkategorien gemeint sein sollen, sondern einfach der Gegensatz von "hell" und "dunkel", "heiter" und "ernst". Hierbei reicht der "Ernst" bis in die tiefsten dämonischen Abgründe. Nicht ohne Grund hat die Romantik den Don Giovanni als das erste Zeugnis ihres neuen Lebensgefühls empfunden.

Vom d-moll-Beginn der Ouvertüre und den ersten Szenen mit dem f-moll-Terzett beim Tode des Komturs bis zur Auseinandersetzung des inkarnierten Lebenswillens in der Gestalt Don Giovanni mit dem Steinernen Gast im zweiten Finale durchwirken die Seria-Elemente häufig auch die Buffa-Sphäre. Oft stehen übergangslos die Komtur-, Anna- und Ottavio-Komplexe neben den Leporello-, Zerline- und Masetto-Szenen. In den Ensembles mischen sich häufig die Stilebenen; die Gestalt Don Giovannis selbst aber ist in allen Szenen auf geradezu unheimliche Weise inkorporiert. Alle Gestalten sind auf ihn bezogen, leben von ihm, er bildet ihr negatives Zentrum.

Das wird am deutlichsten in dem Sextett-Epilog nach Don Giovannis Tod, wo die Fäden losgelassen sind, die die Figuren hielten und die Gestalten mit simplen Allerweltsweisheiten "auseinandergehen".