Von Ulrich Schiller

Moskau, im Juli

Die Parallelen sind bedrückend. Am 27. März 1948 schickten Stalin und Molotow den Jugoslawen einen zornigen Brief. Sie rügten, daß die jugoslawische Partei nicht vom Geist des Klassenkampfes durchdrungen sei. Tito antwortete, er sei bereit, eine Abordnung der KPdSU zu empfangen, damit sie die gegen Jugoslawien erhobenen Vorwürfe untersuche. Stalin aber berief statt dessen das Kominform ein. Die Jugoslawen lehnten die Teilnahme an der nach Bukarest einberufenen Sitzung ab. Acht Parteien verabschiedeten daraufhin dort am 27. Juni 1948 einmütig die Resolution, mit der Jugoslawien aus dem Kominform ausgestoßen wurde.

Zwanzig Jahre später, Anfang Juli 1968, erhielt die Prager Parteiführung fünf Briefe (die KPdSU erschien diesmal nicht als federführend, sondern nur als Koordinator) mit der Aufforderung, sich einem Forum von fünf Bruderparteien am 11. Juli in Warschau zu stellen. Da Dubček bereits am 23. März in Dresden und am 4. Mai in Moskau Rede und Antwort gestanden hatte, beschränkte er sich darauf zu sagen, er sei bereit, Parteiabordnungen einzeln zu empfangen, damit sie sich an Ort und Stelle mit den Reformen vertraut machen könnten.

Nach dieser Absage ging Moskau öffentlich zum Angriff über und schleuderte am 11. Juli in der "Prawda" den Bannstrahl gegen das "Manifes: der 2000 Worte" als Symptom einer konterrevolutionären Revolte. Dasselbe taten die Parteiblätter in Ostberlin, Warschau, Budapest und Sofia. Ohne die Tschechoslowaken und ohne die Rumänen einzuladen, versammelten sich die Partei- und Regierungschefs der Sowjetunion, Po.ens, der DDR, Ungarns und Bulgariens am 14. Juli in Warschau, um sich über ihr weiteres Verhalten gegenüber der Tschechoslowakei schlüssig zu werden. Am 15. Juli schickten sie – nachdem sie am Abend des 14. den Abzug der Manövertruppen unterbrochen hatten – dem Zentralkomitee in Prag zwar keine Resolution, aber einen "einmütig verfaßten Brief" ...

Erinnerung an 1956