Der Nervenkrieg um den Reformkurs der Tschechoslowakei erreichte am vorigen Wochenende einen dramatischen Höhepunkt: Der tschechoslowakische Verteidigungsminister Dzur forderte eine Revision des Warschauer Pakts und plädierte für eine internationale Zusammensetzung des gemeinsamen Kommandos.

® In Warschau trafen sich die Parteichefs der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR, um sich auf eine gemeinsame Haltung gegenüber dem Demokratisierungsprozeß in der CSSR zu einigen.

Die etwa 16 000 Sowjetsoldaten, die in der CSSR mit 4500 Fahrzeugen, 70 Panzern und 40 Flugzeugen an Stabsmanövern des Warschauer Paktes teilgenommen hatten, stoppten vorübergehend ihren Abzug. Sie setzten ihren Abmarsch erst am Montag fort.

Die Prager Führung hatte es Anfang voriger Woche abgelehnt, der Einladung zum Warschauer Gipfeltreffen, die eher eine Aufforderung war, zu folgen. Zwar glaubte im ZK niemand an einen zweiten Fall Jugoslawien, das 1948 der Bannstrahl traf. Doch schreckte die Erinnerung an das Dresdner Treffen im April, auf dem sich der Prager KP Chef Dubcek im Kreuzverhör der Ostblockprominenz hatte verantworten müssen.

Dubcek stand seit Dienstag in ständiger telephonischer Verbindung mit dem sowjetischen Parteichef Breschnew. Am Mittwoch weigerte sich der Oberbefehlshaber der Warschauer Pakt Streitkräfte, Sowjetmarschall Jakubowski, zwei hohe tschechoslowakische Funktionäre zu Verhandlungen über den Abzug der Manövertruppen zu empfangen.

Am Donnerstag wuchs die Sorge, daß den Tschechen und Slowaken ein neues Ungarn drohen könne. Das Moskauer Parteiorgan "Prawda" schrieb unter Hinweis auf das Präger "Manifest der 2000 Worte", das eine beschleunigte Demokratisierung gefordert hatte: zur gleichen Taktik hätten 1956 die "konterrevolutionären Elemente in Ungarn" gegriffen. Erst am Abend wurde bekannt, das Oberkommando der Paktstreitkräfte sei bereit, die Manövertruppen von Samstag an innerhalb von vier Tagen abzuziehen. Doch gab es am Wochenende neue Verzögerungen.

Während die Ungewißheit über den Truppenabzug anhielt, versuchte Prag diplomatisch Terrain zu gewinnen. Dubcek traf sich am Freitag an einem geheimgehaltenen Ort an der tschechoslowakischen Grenze mit dem ungarischen Parteichef Kadar, der auf dem Weg nach Warschau war. Die Prager Führung lud die dort versammelten Ostblockführer — außer der CSSR war auch Rumänien nicht vertreten — zu zweiseitigen Gesprächen ein. Der jugoslawische Außenminister Nikezic empfing in Belgrad den tschechoslowakischen Botschafter und den sowjetischen Geschäftsträger zu getrennten Unterredungen.