Zwei kalte Augen, in denen plötzlich ein gefährliches Funkeln glimmt, eine gellende, sich überschlagende Stimme; ein Besessener: Roland Freisler.

"Wer in seinem Inneren die Möglichkeit erwägt, der Krieg könne verlorengehen, der ist des Todes würdig." Lang und volltönend rollte die Stimme durch den Saal des Volksgerichtshofs. Über den Rücken des Zuhörers kroch ein Schauder. Der Mann, der diese Worte sprach, trug eine rote Robe. Woher hatte sie ihre Farbe, die so offen prunkte im hellen Lichte der Septembersonne? Das Blut von all den Opfern Roland Freislers, die in den langen Jahren das Schafott bestiegen hatten, schien sich ergossen zu haben, um seinem Kleide die Farbe schrecklicher Majestät zu geben.

Die hohen Offiziere, die unter den Zuhörern im Gerichtssaal saßen, bemühten sich, unbefangen auszusehen. Der Präsident des Gerichts aber schien niemanden auszulassen mit dem bösen Funkeln seines Blicks. Und dann rollten die Sätze wieder hernieder, über die Köpfe der Angeklagten und der Zuhörer hin, zunächst noch langsam und scheinbar maßvoll, dann immer schneller und grollender, bis die Stimme den ganzen Saal zu füllen schien: "Verräter am deutschen Volk... Verräter an den Millionen von Gefallenen, Verräter an all den noch Ungeborenen..."

Diesem Manne nun, dessen Machtlüsternheit noch von seinem Wunsche nach Popularität gestärkt wurde, dessen Blick in jeder Versammlung auf die zehn Schutzleute fiel, von denen die Angeklagten bewacht wurden, der im Saal auf die grauen Uniformen der SS sah, Symbole der Staatsmacht, die sich in seiner roten Robe verkörperte – diesem Mann also waren die Angeklagten ausgeliefert. Ist es ein Wunder, daß man so viel stolze Worte berichten kann? Nur wenn die sprungbereite Wachsamkeit des Tigers auf dem Präsidentenstuhl für einen kurzen Augenblick erschlaffte, war einem Angeklagten eine kühne Entgegnung überhaupt möglich. So die Worte melancholischer Gelassenheit, die dem alten Feldmarschall von Witzleben zugeschrieben werden: "Herr Präsident, wenn Sie in einem halben Jahr da stehen, wo ich jetzt stehe, dann werden Sie merken, wie unangenehm es für einen Angeklagten ist, ständig unterbrochen zu werden."

Und jenes andere Wort voll furchtbarer Leidenschaft, das ihm der Legationsrat von Haeften entgegenschleuderte, als ihn der Präsident anschrie, warum er das Verbrechen begangen habe, seinem "Führer" die Treue zu brechen. "Weil ich den Führer für den Vollstrecker des Bösen in der Geschichte halte."

Konnte man mit einem einzigen Satz dem Nationalsozialismus sicherer ins Herz stoßen als mit diesem? Das war der Augenblick, wo auch die SS-Leute bleich wurden und wo selbst Roland Freisler für eine Sekunde schwieg, gelähmt von dem unerwarteten Stoß. Dann freilich donnerte die Flut seiner Anklagen nur um so drohender auf den Angeklagten nieder; und kurz darauf war Herr von Haeften ein Toter.

Man sagt, wer Freisler einmal habe präsidieren sehen, vergesse ihn nie wieder. Angelockt von der Magie des Bösen, sind ihm viele von den Zuhörern nachgegangen von Verhandlung zu Verhandlung, wenn nur immer es möglich war, zugelassen zu werden, mit einer Art von selbstquälerischer Gier danach, die Augen in dem hageren Gesicht aufglimmen zu sehen, den wilden Sturzbach seiner Worte zu hören. Er hat wie wenige dazu beigetragen, den Rationalismus in uns zu erschüttern und den Glauben wieder wachzurufen, daß die Welt erfüllt ist von Teufeln. Einer von diesen Teufeln war Roland Freisler. Und es gehört zu den unerforschlichen Ratschlüssen, vor denen wir uns beugen müssen, daß ihn am 3. Februar 1945 die Fliegerbombe zerriß. Nun werden wir niemals erfahren, ob die Flamme des Fanatismus und des Ehrgeizes stark genug gewesen wäre, dem Hauptangeklagten in einem Prozeß gegen Freisler und Genossen Haltung zu geben.