Platt legt sich die Strähne der Autostrada dei Fiori von Mailand aus übers flache Land nach Süden: zu Seiten die rechtwinklige Geometrie der Reisfelder und der Pappelzeilen, hinweg über die kiesigen, von unfesten, kusseligen Inseln durchwachsenen Urstrombetten des Ticino und des Po. Dann, unterm Zwang der steilen Täler des hier immerhin waldtragenden Apennin, windet sie sich, wird durch Tunnel gefädelt, teilt und verzopft sich und fällt so nach Genua hinab.

Noch vor einigen Jahren war die Einfahrt in die vielgestufte Stadt am Meer eine Mühsal, die dem Fahrer versagte, das Panorama zu genießen. Heute schwebt man luftig auf achterbahnhaften Kurven nach Genua ein. Hochstämmige Beton- oder Stahlpfeiler tragen die wieder vierfache Fahrbahn über die Dächer dahin, und elegant schwingen die Zu- und Abfahrten zum Niveau der alten Straßen hinunter. Die Autostraße führt nun als "Sopraelevata" von Osten nach Westen den ganzen Hafen entlang, ähnlich der Hamburger Hochbahn, doch auf modernen Stützen.

Sie rahmt in weitem Bogen das Hafenbecken, in dem weiße Schiffsschönheiten wie die "Michelangelo" oder die "Gripsholm" die Augen des Fahrers vom Kurs abziehen. Erst nachdem sie den Stadtkern hinter sich gelassen hat, neigt sie sich zum Meer und läuft neben den Hallen und dem öden Zementrechteck des Messegeländes aus. Doch alsbald nimmt einen der Corso Italia auf, die Prachtstraße am Meer entlang, eine Art Boulevard des Anglais mit Badestränden am Fuß der Brandungsmauer.

Nach Westen aber, nach Savona und zur Riviera dei Fiori hin, hat die Autostraße schon oben, eingangs der asphaltenen Stadtlandebahn, eine Abzweigung, die auf mächtigem, zweimastigem Viadukt ganze Stadtteile unter sich läßt. Und auch wer es eilig hat, nach Süden zu kommen, an die ligurische Küste, nach Rapallo etwa, oder wer weiter will nach La Spezia und Pisa, kann Genua vermeiden. Er kann es rechts liegen lassen, tief unter sich.

Denn neuerdings endet die Mailänder Autobahn nicht mehr hier. Sie schwenkt in heftiger Linkskurve von der Stadt weg, bohrt sich in kilometerlangen Tunnels durch die festungsbewehrten Berge, die Genua nach Norden schützen und sein Klima auch im Winter so mild machen, und setzt auf feingliedrigen Brücken über die tiefgekerbten Täler der Sturzbäche. Bis Rapallo ist sie bereits befahrbar, bald bis Sestri Levante, und auf diesem Trakt ist sie, die weiter um die reservathaft geschonten Cinque Terre herum bis nach Livorno geführt werden soll, eine der abenteuerlichsten, verwegensten und – kostspieligsten Straßenbauten Europas.

Aber wie eilig ich es auch hätte, ich würde Genua nicht liegen lassen, kennte ich es auch noch so gut; ich würde mich nicht begnügen mit den gewiß opulenten Stadtansichten aus der Helikopter-Perspektive der Viadukte. Genua ist immer eine Zwischenlandung wert, und ohnehin gibt es Zubringer zur Süd-Autobahn, von den Stadtteilen Bisagno oder Nervi aus etwa.

Verläßt man die Stadt Richtung ligurische Riviera, empfiehlt es sich allerdings, sie zu benutzen; denn die berückendste Ausfallstraße ist zugleich die lästigste: die Via Aurelia. In ihr rennt sich alsbald fest, wer vom Corso Italia die Küste entlang fahren will. Ob sommers, ob winters, ob tags, ob nachts, immer und ewig ist sie verstopft, und so überraschend und verführerisch jede neue Kurve das Panorama ändert und so langsam zu fahren man in der dichten Kette auch gezwungen ist, die Augen müssen am Heck des Vordermanns haften.