Hat es der Kunstmarkt mit dem ‚Gebrauchsgut Kunstwerk‘ zu tun, so heißt es ihn überfordern, wenn man von ihm erwartet, daß er sich der ästhetischen Position annimmt.

Jürgen Claus

Ehekrisen bevorzugt

Über vierzig in- und ausländische Bühnen werden in der nächsten Spielzeit Max Frischs "Biografie" spielen, auf zweiunddreißig Bühnen wird Martin Walsers "Zimmerschlacht" geschlagen werden: Damit ist das Thema der kriselnden Ehe das meistgefragte der nächsten Saison. Für Peter Handkes "Kaspar" haben sich fünfundzwanzig Theater entschieden. Von Jochen Ziem wird das Stück der verkorksten Ost-West-Familienbande, "Die Einladung", von achtzehn Bühnen gebucht, seine "Nachrichten aus der Provinz" haben neun spielbereite Theater gefunden. Martin Sperrs "Landshuter Erzählungen" tauchen (trotz Dialektproblemen) auf fünfzehn Spielplänen auf, Peter Weiss’ "Gesang vom Lusitanischen Popanz" erreicht – mehr als zwei Jahre nach der Uraufführung – immerhin vierzehn Theater, während sein "Viet Nam Diskurs" von acht, vorwiegend außerdeutschen Theatern gespielt werden wird. Von den ausländischen Stücken wird Edwards Bonds "Gerettet" die meisten deutschen Bühnen erreichen, nämlich sechsundzwanzig. Tendenz der nächsten Spielzeit also: man ist mit Maßen dem Neuen zugetan, man ist aufgeschlossen, wenn auch manchmal mit einem Verzögerungseffekt.

Konstantin Paustowskij

"Und wenn ich hundert Jahre alt werden würde, so würden diese hundert Jahre nicht ausreichen, um den ganzen Zauber, die ganze erlösende und befreiende Macht der russischen Landschaft, der russischen Natur auszuschöpfen." Der Autor dieser Liebeserklärung, Konstantin Georgijewitsch Paustowskij, ist nun, 76jährig, gestorben. 1892 in Moskau geboren, aufgewachsen in Kiew, dort zur Schule und zur Universität gegangen, trat Paustowskij zwar schon in jungen Jahren mit Literatur an die Öffentlichkeit, als der meisterliche Stilist und Schilderer jener unerschöpflichen russischen Natur bekannt wurde er jedoch erst relativ spät. Paustowskij, dessen Genre zunächst die historisierende Biographie, das Porträt, dann der autobiographische Roman war, gehört zu den leisen Charakteren der sowjetischen Literatur; er stand nie im Zentrum literatur-politischer Dispute: Paustowskij provozierte niemanden, er wurde provoziert und verteidigte sich durch Literatur. Er reagierte auf die Provokationen seiner Zeit mit feinsinnigen lyrischen Naturbildern, mit Wehmut und schöngeistiger Reflexion und allenfalls sublimierter Empörung.

Heiliges Wasser