FÜR alle, die sich ihr Leben ohne Literatur und ohne Theater nicht vorstellen können, weil sie nach wie vor von der Literatur und vom Theater nicht etwa zufriedenstellende Antworten, wohl aber die Formulierung der entscheidenden Fragen erhoffen und erwarten –

Max Frisch: "Öffentlichkeit als Partner"; edition suhrkamp 209, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 153 S., 3,– DM.

ES ENTHÄLT die wichtigsten Reden und Aufsätze Max Frischs aus den Jahren 1949 bis 1967.

ES GEFÄLLT mir dieses unscheinbare und äußerst wichtige Buch nicht nur deshalb, weil ich mich von jedem Beitrag, mag er zehn oder fünfzehn Jahre alt sein, erneut beunruhigt, angeregt und belehrt fühle, sondern auch und vor allem deshalb, weil das Ganze mehr ist als die Summe seiner Bestandteile. Die Sammlung erweist sich als eine persönliche Konfession, die uns alle angeht – und die Konfession als ein Programm, das niemals in den Schatten des Dogmatischen gerät und ebensowenig in den Verdacht, man habe es hier mit einem zwar imponierenden, doch leider ungedeckten Scheck zu tun. Wir kennen ja hinreichend jene Autoren, die sich alle zwei Jahre vergeblich bemühen, mit einer neuen Dramaturgie (oder richtiger gesagt: Pseudodramaturgie) ihr künstlerisches Unvermögen zu tarnen. Frisch hingegen spricht immer als Praktiker des Dramas und des Romans, als Künstler und Intellektueller und zugleich – und das klingt bei ihm, dem Schweizer, ganz selbstverständlich und natürlich – als Bürger, der sich hütet, unsere reale Umwelt zu vergessen. Literatur und Theater – für wen, wie und wozu? Frisch gibt viele verschiedene und sich doch nie gegenseitig ausschließende Antworten, deren Grundakkord sich in der Büchner-Rede von 1958 findet: das Bekenntnis zur "kombattanten Resignation" und zum "individuellen Engagement an die Wahrhaftigkeit", das Plädoyer für eine Kunst, "die nicht national und nicht international, sondern mehr ist, nämlich ein immer wieder zu leistender Bann gegen die Abstraktion, gegen die Ideologie und ihre tödlichen Fronten". In den Stücken und Romanen wird jeweils eine einzige, mehr oder weniger begrenzte Seite des Schriftstellers Frisch erkennbar, ihnen haftet immer – und keineswegs gegen seinen Willen – etwas Fragmentarisches an: Der Autor scheint stets mehr zu sein und zu bedeuten als sein gerade zur Debatte stehender Versuch. Nur für ein Werk gilt das nicht, für den "Stiller" – hier war der ganze Frisch zu sehen. Und jetzt ist er es abermals: eben in diesem Buch "Öffentlichkeit als Partner". Marcel Reich-Ranicki