Sven Steenberg: Wlassow, Verräter oder Patriot?; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln; 255 Seiten, 18,– DM.

Es ist sicher möglich und aufschlußreich, den Krieg auch von seinen Randerscheinungen her zu erfassen. Wenn sie sich auch auf den ersten Blick zu wiederholen scheinen, offenbart die nähere Betrachtung doch große Unterschiede. Eine von diesen typischen Begleiterscheinungen ist das Phänomen der militärischen Kollaboration mit dem Feinde. Es zeigt im Laufe der Geschichte verschiedene Gesichter. Die unterschiedliche Wurzel und Begründung der Parteinahme charakterisieren den jeweiligen kriegerischen Gegensatz und spiegeln Rechts- und Loyalitätsverhältnisse ihrer Zeit. Die Einstellung der Kriegführenden zu den Kollaborateuren beleuchtet das moralische Niveau der Handelnden.

Die Parteigänger des Feindes sind durch den Entschluß ihres Frontwechsels als Außenseiter durch die Geschichte miteinander verbunden, doch voneinander getrennt durch die ihnen jeweils eigentümliche Rechtsauffassung: sei es nun der Lehnsträger im Mittelalter, der sich im Besitz des "besseren Rechts" glaubt, der Königstreue, der die Revolution bekämpft, der Angehörige der deutsch-russischen Legion, der sich 1812 als eigentlicher Sachwalter seines gebundenen Herrschers fühlt, die ungarische Freischar Klapkas, die 1866 einen bestimmten nationalen Anspruch verficht, die tschechische Legion des Ersten Weltkrieges oder die fremdnationalen Freiwilligen aus den besetzten Gebieten, die im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite kämpften.

Ihre Schicksale füllen eines der düstersten Kapitel der Geschichte des letzten Krieges, in welchem die russische Befreiungsarmee des Generals Wlassow eine besondere Stellung einnimmt. Unter den überzeugten Parteigängern der Geschichte wäre der kriegsgefangene General mit seinen Mitarbeitern als Propagandist des Rechtes und der Gerechtigkeit für seine Heimat und als Kämpfer für die Befreiung seines Landes von Willkürherrschaft einzuordnen. Der ideologische Gegensatz spielte eine geringere Rolle, und das politische Denken scheint bei Wlassow wie bei den meisten seiner Berufsgenossen nicht sehr stark ausgeprägt gewesen zu sein. Persönlich getroffen, war er vielmehr tief verletzt von dem Terrorregime Stalins. Die Gegnerschaft reichte allerdings nicht aus, um ihn etwa ohne den Schock der Gefangennahme am 12. Juli 1942 in den Aufstand zu treiben, und erst im Laufe seines Aufenthaltes in Deutschland erkannte er allmählich mit Entsetzen, wie ähnlich sich die beiden Diktaturen waren und welchen erbärmlichen Lebensspielraum Hitler den slawischen Völkern nur zubilligen wollte.

Zum letzten Male hatte im Stil der guten Reportage J. Thorwald das Schicksal der russischen Freiwilligen beschrieben (Wen sie verderben wollen... Steingrüben-Verlag, Stuttgart 1952). Eine Wiederaufnahme des Themas war berechtigt. Eine beachtliche Anzahl neuer Quellen und Augenzeugenberichte ist in den letzten 15 Jahren hinzugekommen. Zur Entschlüsselung der Persönlichkeit und des Denkens Wlassows tragen allerdings auch sie wenig Neues und Bestimmtes bei. Das Bild des russischen Armeebefehlshabers, eines hochbegabten Truppenführers, bleibt unscharf. Auch Steenbergs Schilderung ist Bericht, der sich im allgemeinen auf die Darstellung des Ereignisablaufes beschränkt. Doch hat sein Buch gegenüber der Arbeit Thorwalds den Vorzug, daß es die wichtigen Aussagen durch Anmerkungen und Quellenangaben belegt. Der Verwahrort der Quellen ist allerdings leider in vielen Fällen nicht angegeben.

Für Spannung sorgt das Thema selbst: die Geschichte eines ehr- und vaterlandsliebenden Soldaten, der, durch die Zustände in seiner Heimat getrieben, auf die Seite des Feindes trat, wo er aber Ohnmacht, Borniertheit und Ehrlosigkeit an der Macht traf und unterging.

Der Widerstreit der Gefühle und Auffassungen jener, die durch Krieg und Gefangenschaft veranlaßt wurden, ihre Einstellung zur Regierung des sowjetischen Gewaltherrschers zu überdenken, ist gut herausgearbeitet. Die Skala der getroffenen Entscheidungen reicht von denen, die nach kurzem Zögern die Zusammenarbeit ablehnten (und später von Stalin wieder in Gnaden aufgenommen wurden) über solche, welche die Stunde für die gewaltsame Loslösung ihrer unterdrückten Heimat von Sowjetrußland gekommen sahen, bis zu denen, die als Hilfswillige ihre Dienste in den deutschen Streitkräften leisteten oder, in Kleinverbänden organisiert, aktiv auf deutscher Seite mitwirkten, ohne viel nach den Vorstellungen Hitlers über die künftige politische Gestalt Rußlands nach einem deutschen Sieg zu fragen.