Von Ulrich Kaiser

Claude Lister ist ein schlanker, älterer Herr mit grauen Schläfen und leiser Stimme. Er ist das, was man einen distinguierten Mann mit einem Hang zum Snob-appeal nennt. Mr. Lister ist Kapitän der südafrikanischen Tennismannschaft – das heißt, in diesem Jahr ist er es nicht mehr. Er wird nicht mehr benötigt, da sein Team aus dem Davispokal ausgeschieden ist. Verantwortlich für diese Amtsenthebung waren im Düsseldorfer Rochusclub Wilhelm Bungert und Ingo Buding, Deutschlands beste Tennisspieler. Claude Lister war nur einmal während dieser Tage, etwas fassunglos: "Es ist unheimlich. Kein Mensch hätte ihn hier geschlagen." Neben ihm stand ein blonder Wunschelkopf im Hippie-Look, Ray Moore, der selbstanklägerisch beipflichtete: "Was hätte ich denn tun sollen? Er macht doch alles viel besser."

Der Mann aber, der die Südafrikaner derart außer Fassung brachte, meinte mit unbewegtem Gesicht: "Ich glaube, ich habe ganz gut gespielt." Das sagte Wilhelm Bungert nach dem Finale der Europazone (Gruppe B) im Davispokal, wo Deutschland gegen Südafrika 3:2 gewann. Es war ein Understatement. Die knapp 15 000 Menschen, die an den drei Tagen zum Rochusclub kamen, hatten den besten Bungert erlebt, den es je gab. Er hatte am Eröffnungstag für das 1:0 gesorgt, als er den in Südafrika naturalisierten Australier Bob Hewitt demoralisierte, und er gewann dann auch den entscheidenden dritten Punkt, als er Ray Moore in gut einer Stunde vom Platz fegte. Es war der gleiche Ray Moore, der vor drei Wochen in Wimbledon für Gesprächsstoff sorgte, als er den zum Favoritenkreis gehörenden Profi Andres Gimeno ausschaltete.

Über der Begeisterung, die der Düsseldorfer Sportartikel-Großhändler Bungert für sein spektakuläres Schlagrepertoire ernten durfte, blieb die Tatsache kaum beachtet, daß bei einer Davispokal-Begegnung von insgesamt fünf Matches mindestens drei von einer Mannschaft gewonnen werden müssen. Für diesen dritten Punkt sorgte Ingo Buding, der weit weniger glanzvoll, aber eben doch recht nutzbringend ebenfalls gegen Ray Moore siegte. Diese Begegnung dauerte, eine achtzehnstündige Pause eingeschlossen, fast 22 Stunden: Die einbrechende Dunkelheit machte die Unterbrechung notwendig.

Der deutsche Erfolg überraschte nicht nur die Skeptiker. Südafrikas Tennisspieler hatten ihren Optimismus zuvor zwar nicht direkt zur Schau getragen; sie waren aber sicher nicht in dem Bewußtsein angetreten, hier Außenseiter zu sein. Mr. Lister hatte es so ausgedrückt: "Vor zwei Jahren waren wir mit so großen Hoffnungen nach München gefahren, ebenfalls im Finale, und wir verloren. Optimisten sind bei uns seit jener Zeit verpönt."

Für die Organisatoren des deutschen Tennisbundes bringt der unerwartete Sieg über die Südafrikaner eine Reihe von Problemen mit sich. Nächster Gegner ist im Interzonen-Semifinale der Gewinner der Asienzone – Indien oder Japan. Diese beiden Länder, die seit Jahren das orientalische Tennis beherrschen, haben sich aber seit langem daran gewöhnt, ihr Finale erst Ende September oder Anfang Oktober auszutragen. Falls Japan gewinnt, müßten die deutschen Cracks die Reise nach Tokio antreten, ist es Indien – was wahrscheinlicher ist –, so soll die Begegnung in der Bundesrepublik ausgetragen werden. Hier tritt jene Regel des Davispokals in Kraft, nach der das Heimrecht erlischt, wenn zwischen dem letzten Zusammentreffen beider Länder weniger als drei Jahre liegen. Bungert und Buding aber trugen 1966 ihre Interzonen-Runde in Neu-Delhi aus, an die sie recht unangenehme Erinnerungen haben, die sich nicht nur auf das 2:3-Minusresultat beziehen. Also müßte Indien nach Europa kommen. Die Frage bleibt, wo man Ende Oktober oder Anfang November in Deutschland noch Tennis spielen kann? In München, wo man dieses Treffen gern veranstalten möchte, kann dann bereits Schnee liegen. Ein Davispokal-Spiel in der Halle auszutragen, wäre ein Novum und widerspräche den Regeln. Basil Reay, der in London amtierende Sekretär und Sachwalter des Davispokals, erklärte jedoch bereits vor Wochen, daß eine solche Möglichkeit nicht auszuschließen sei.

Wilhelm Bungert, der in der Gunst bundesrepublikanischer Sportanhänger nun wieder ganz oben steht, bringt sein Erfolg nicht nur schöne Stunden ein. Er muß nun wohl darauf verzichten, seine geplante Amerika-Tournee mit dem in Mexico City während der Olympischen Spiele vorgesehenen Tennisturnier als Endpunkt zu unternehmen. Der schlanke junge Mann, der so gar nichts von einem Athleten an sich hat, tröstet sich: "Der Davispokal ist mir doch mehr wert, als all die schönen Turniere und Reisen zusammen. Da geht es doch um was." Da der Düsseldorfer aus Mannheim, der im vergangenen Jahr mit dem Erreichen des Wimbledon-Finales einen persönlichen Höhepunkt erlebte, auch im "Offenen" Tennis-Zeitalter Wert darauf legt, zur Weltklasse gezählt zu werden, bleibt ihm kaum ein anderer Ausweg, als seine Siege im Davispokal zu suchen. Auf das Wimbledon-Turnier dieses Jahres verzichtete er, weil er den Amateuren gegenüber den Profis, die zum ersten Male teilnehmen durften, keine Chance einräumte. Ob er diese Entscheidung nicht doch bereute, ist die Frage, vor allem, nachdem die Freizeitsportler vor drei Wochen im Tennis-Mekka durchaus nicht nur "Kanonenfutter" für die Stars waren. Jedenfalls meinte Bungert nach dem Düsseldorfer Höhenflug nachdenklich: "Vielleicht fahre ich nächstes Jahr doch wieder hin." Er ist dann dreißig Jahre alt.