Von Joachim Schwelien

Dayton/Ohio, im Juli

Der Dicke mit den blauen Hosen und dem Unterhemd sieht aus wie der Tankstellenwärter von nebenan. Er springt auf, schwingt einen Hundert-Dollar-Schein in der schweren Faust und ruft: "Das ist mein Beitrag für den Wahlfeldzug des nächsten Präsidenten der USA."

Beifall dröhnt durch den Saal. Andere treten hervor und liefern ihre Scherflein ab, kaum einer weniger als zwanzig Dollar. Die Leute schreiben sich in Petitionslisten für die Zulassung der "Amerikanischen Unabhängigen Partei" (American Independent Party) bei der Präsidentenwahl ein, melden sich als Spendensammler und Wahlhelfer und lauschen dann verzückt dem pep-talk, der gepfefferten Rede ihres Idols: Gegen die Bürokraten in Washington, gegen die Handvoll Anarchisten, Kommunisten und Eierköpfe, die Amerika zugrunde richteten, das er aber wieder aufrichten werde, sollte er ins Weiße Haus gewählt werden.

Das Idol heißt George C. Wallace, ist 48 Jahre alt, von kleiner, fast zierlicher Statur und mit einem nicht unfreundlichen Boxergesicht aus jener Zeit ausgestattet, wo er sich als Jugendmeister im Bantamgewicht die Goldenen Handschuhe der Südstaaten erfocht. 1962 wurde er auf vier Jahre zum Gouverneur von Alabama gewählt; damals stemmte er sich bis zum letzten Augenblick gegen die Integration der Farbigen und der Weißen in den Schulen. Seither gilt George Wallace als Bannerträger der weißen Segregationisten und seinen Gegnern als der übelste Rassist der Vereinigten Staaten. Er selber lehnt dieses Attribut kategorisch ab, beteuert in jeder Ansprache, er habe in seinem Leben kein einziges Wort geäußert, das als Vorurteil gegen irgendeinen Amerikaner gleich welcher Rasse, Religion oder Herkunft ausgelegt werden könne, und er und seine – vor kurzem an Krebs gestorbene – Frau Lurleen Wallace, die ihm als eine Art Stellvertreterin im Gouverneursamt nachfolgte (da das Wahlgesetz von Alabama nur die einmalige Wahl auf vier Jahre zuläßt), hätten mehr Stimmen von Negern erhalten als jeder andere Kandidat in seinem Staat.

Das stimmt und ist doch nur eine Halbwahrheit wie fast alles, was George Wallace vorbringt. Die farbigen Wähler in Alabama hatten stets nur die Auswahl unter Rassisten verschiedener Intensitätsgrade, und sie hatten allen Anlaß, es nicht mit den Leuten in der Staatsverwaltung und im Machtapparat zu verderben. Hier im Saal, unter den fast fünfhundert Gästen in Dayton im Staat Ohio, ist allerdings kein einziges farbiges Gesicht zu sehen, und eine für den Nachmittag vorgesehene Veranstaltung im benachbarten Columbus wurde von Wallace abgesagt: Dort tagt um die gleiche Zeit der farbige "Kongreß für Rassengleichheit", eine militante Bürgerrechtsorganisation. Die Farbigen außerhalb von Alabama wissen jedenfalls, was sie von George Wallace zu halten haben.

Wie alle wirklich guten Demagogen trägt George Wallace seine Halbwahrheiten so vor, daß seine fanatischen Anhänger sie für bare Münze nehmen und seine Gegner sie für herausfordernde Lügen halten. Er ist nicht gegen die Neger, beteuert er, aber er ist dafür, daß das Schulwesen Sache der Einzelstaaten und der Gemeinden bleibe und nicht durch Bundesgesetze geregelt werde. Übersetzt bedeutet dies: daß die Segregation an allen publikumsoffenen Einrichtungen wiederhergestellt werden könnte, wenn Bundesstaaten wie die im Süden das mit ihrer weißen Herrschaftsschicht so wollten. Wallace hat nie ein böses Wort gegen die Farbigen gesagt – aber er ist "für Ruhe und Ordnung, für die volle Gewalt der Polizei, wenn einige Demagogen und Unruhestifter unsere Städte niederbrennen wollen" – wie es in den Negergettos geschieht. Er hat nichts gegen die Friedensgespräche in Paris – aber wenn sie scheitern würden, und er wäre Präsident, würde er sich ganz auf den Rat der Stabschefs verlassen – also die rein militärische Lösung ohne Rücksicht auf Konsequenzen anstreben.