P. S., Paris, im Juli

Auf die Restauration folgen in Frankreich nun die Repressalien. Die Regierung will mit allen Mitteln eine Neuauflage der Mai-Unruhen verhindern, die das Land an den Rand des Bürgerkrieges gebracht haben. Hinter den Kulissen versucht die Polizei daher jetzt mit aller Brutalität, die Zentren des Widerstandes aufzustöbern und unschädlich zu machen.

Am Bahnhof Saint Lazare kam es zu der – nach Meinung der Pariser Polizei – wichtigsten Verhaftung dieser "Aktion": Opfer polizeilichen Spürsinns wurde der 27jährige Alain Krivine. Ihn, den Führer der inzwischen verbotenen Jeunesse Communiste Revolutionäre (ICR), einer trotzkistischen Jugendorganisation, hält die Polizei für den Motor der Mai-Revolution.

Anders als Daniel Cohn-Bendit oder etwa der Chef der Studentengewerkschaft, Jacques Sauvageot, agierte Krivine nicht im Rampenlicht. Drei oder vier Wochen hat man ihn gejagt – jetzt sitzt er in den Vernehmungszimmern der Pariser Polizei. Die Anklage wird ihm vorwerfen, er habe seine Organisation illegal wiedergegründet. Die ICR gilt als die am besten organisierte und damit schlagkräftigste der radikalen Jugendorganisationen. Die Verhaftung ihres Führers wird die Mitglieder kaum zum Schweigen bringen – eher im Gegenteil.

Die Unruhen während des französischen Nationalfeiertages am 14. Juli werden zum Teil auf die Aktivität gerade dieser Gruppe zurückgeführt. Die Pariser Polizei nutzte auch hierbei ihre Chance: Mehr als 200 Ausländer, vorwiegend Jugendliche, wurden festgenommen und häufig brutal angepackt. Viele wurden des Landes verwiesen.

Auch auf einem anderen Gebiet gibt es so etwas wie ein "Endergebnis". Der längste Streik der Mai-Rebellion, der Rundfunk und Fernsehen lahmlegte, endete für die Beteiligten mit einem Fiasko. Die Regierung hat die Medien wieder fest unter Kontrolle. Dieser Streik hatte das Regime de Gaulle an seiner empfindlichsten Stelle getroffen: in seiner Informationspolitik. Seit 1964 waren Rundfunk und Fernsehen unter noch stärkeren Regierungseinfluß gekommen: Sie sollten – im Sinne des Regimes – berichten, nicht kritisch kommentieren. Als aber zu Beginn der Mai-Revolutionen nicht einmal Berichte über die Vorgänge im Quartier Latin gesendet werden durften, brach der Streik aus.

Als jetzt 200 Reporter und 150 Redakteure und Produzenten gemeinsam in ihre Büros zurückkehren wollten, wurde ihnen der Zutritt verweigert. Die Direktion will jetzt jeden Fall einzeln behandeln. "Sie haben sich wie Kinder benommen und nun müssen sie bestraft werden", so erklärte André François, der neue Rundfunk- und Fernsehdirektor, ein früherer Beamter des Innenministeriums.