Er sieht genauso aus, wie man sich einen Athleten vorstellt: jung, groß, stark – ein Bilderbuch-Olympionike. Und er ist ein Kämpfer, mutig, konzentriert, kraftvoll – ein Goldmedaillen-Favorit für Mexiko.

Im Kasseler Auestadion ist es mucksmäuschenstill, wie im Konzertsaal, wenn der Dirigent den Taktstock hebt. Dreitausend, Experten zumeist, starren unten auf die schmale Bahn, die zur Sprunggrube führt. Die dünne Latte liegt auf 4,70 Meter. Seit über einer Stunde springt Kurt Bendlin, der 25jährige Weltrekordhalter in Zehnkampf, allein. Die anderen sind längst ausgeschieden: sein Rivale, der Amerikaner Bill Toomey (3,70 m), die beiden Deutschen Walde (4,20 m) und Moltke (4,30 m). Noch nie ist Bendlin so hoch gesprungen. Bei seinem Weltrekord in Heidelberg vor einem Jahr schaffte er nur 4,10 Meter. Diesmal will er noch höher hinaus. Er muß Punkte gewinnen, ehe er zum Speerwerfen antritt. Eine tückische Verletzung am Ellbogen seines Wurfarmes zwingt ihn zum Maßhalten. Mit dem Speer ist Bendlin sonst unschlagbar unter allen Zehnkampf-Athleten. Es ist seine Disziplin. Er kann 75 Meter erreichen.

Es ist der zehnte Sprung Bendlins. Schon zweimal hat er die Latte gerissen. Einen Sprung hat er noch gut. Er wird dieses Duell entscheiden

Bendlin sieht auf den Boden. Der fünf Meter lange Glasfiberstab liegt auf seiner Schulter. Er sammelt sich für diesen Sprung. Nicht einmal die Kameraleute und Photographen, die dicht neben ihm stehen, stören ihn. Er ist ganz allein in diesem Augenblick, in diesen zehn, zwanzig Sekunden. Dann greift er den Stab oben fest an. Immer wieder bewegt er seine Finger wie ein Klavierspieler, um den Griff zu üben. Die Adern und Muskeln des Armes treten hervor. Das Gesicht spannt sich. Ein Ruck geht durch den Körper, pfeilschnell, wie auf ein unsichtbares Zeichen. Bendlin gibt sich selber das Kommando: Spring! Da erst richtet er auch seinen Kopf hoch, visiert die hohe Latte an; dann startet er. Sein Tempo steigert sich; er jagt, den Stab vor sich haltend wie einen Rammbock, die Bahn entlang, stößt ihn in das Absprungloch, schnellt steil hoch, einer Kugel ähnlich, die Beine zuoberst, drückt sich mit letzter Kraft über die lockere Latte, stößt den Stab ab, reißt die Arme über den Kopf und fällt rücklings auf das Schaumgummipolster. Sofort blickt er nach oben: die Latte bleibt liegen, sie bewegt sich nicht einmal. Geschafft. Noch nie war Kurt Bendlin 4,70 Meter gesprungen.

Da erst löst sich die Spannung. Er beugt sich vor, greift sich mit beiden Händen in die Haare, lacht. Es ist, nach dieser Kraftprobe, in der er das Letzte aus sich herausholte, das befreiende Lachen des Siegers. Der Beifall ringsum schwillt zum Orkan an. Und schon beginnen die Experten zu rechnen, die Wertungstabelle vor sich: Ein neuer Weltrekord liegt in der Luft. Toomey, der Rivale, hat schon 196 Punkte Rückstand. Im Vergleich zu seiner Weltmeisterschafts-Auswertung hat Bendlin bereits jetzt 47 Punkte mehr. Bei der Vier-Meter-Grenze gibt es für zehn Zentimeter fast 30 Punkte. Er kann sich selber schlagen, die Chance ist da.

Aber dann, beim Speerwerfen, zügelt er sich, kommt nur an die 60-Meter-Marke heran. Das genügt ihm diesmal. Er führt ohnehin, ist nicht mehr einzuholen. Es heißt, er will sich schonen. In drei Monaten, in Mexico City, wird er auch mit dem Speer alles wagen. Ehrgeiz, Kraft und Talent hat er, die olympische Arena als "König der Athleten" zu verlassen.

Dietrich Strothmann