Konstanz oder das große Naserümpfen – Warum findet die Reform keine Studenten?

Von Peter Hemmerich

Es darf reformiert werden, doch ändern darf sich nichts – mit diesen bitterbösen Worten karikierte Kurt Sontheimer in der letzten ZEIT die Lage der deutschen Hochschulen. Sontheimers Aggression richtet sich gegen seinen eigenen Stand, die Ordinarien, welche die niedergestimmt sung des Otto-Suhr-Institutes niedergestimmt haben. Sontheimers Beklagnis über die lieben Kollegen ist wenig hinzuzufügen – man nehme zu den Berliner Ereignissen allenfalls noch das sogenannte "Marburger Manifest" hinzu, welches jedwede Demokratisierung der Hochschule wegen möglicher Kratzer auf dem akademischen Parkett verteufelt, und eine ähnliche "Erklärung des Hochschulverbandes", also der Professorengewerkschaft, welche die "Explosion der Studentenzahlen" allen Ernstes wieder einmal als das die Ordinarien-Ruhe störende Grundübel hinstellt und das Schneckentempo der Reform wieder einmal allein den Finanzministern ankreidet.

Die Beklagnis ist jedoch damit nicht zu Ende. Die Ordinarien mögen vorläufig noch der wesentlichste Hemmschuh der Reform sein, was aber wäre denn ohne sie?

Stellen wir uns eine Universität vor, an welcher

  • die Studenten in allen Gremien und bei allen Entscheidungen mit Sitz und Stimme vertreten sind; an welcher
  • es allen Fachbereichen ausdrücklich freigestellt ist, in Fragen der Lehre und Forschung einen eigenen Entscheidungsmodus zu entwickeln, also etwa auch Drittelparität; an welcher
  • alle Forschungsmittel zentral verwaltet werden unter Verzicht auf fixe Professoren-Etats; an welcher
  • die Assistenten laut Satzung spätestens vier Jahre nach der Promotion unabhängige Mitglieder des Lehrkörpers werden; an welcher
  • mit Auszeichnung promovierende Kandidaten automatisch die venia legendi erhalten können, und wo
  • die Abschlußprüfungen innerhalb der civitas academica öffentlich sind.

Diese Universität gibt es in Deutschland. Sie befindet sich in Konstanz und trägt zur Einigkeit der akademischen Stände dadurch bei, daß sie jedermann, vom SDS bis ins höchste Establishment, Anlaß zum Naserümpfen ist. Die Motive zum Naserümpfen über Konstanz sind dann freilich wieder sehr verschieden.