Dokumente der Spaltung

Auf ihrem Gipfeltreffen in Warschau verfaßten die Parteichefs Polens, Bulgariens, Ungarns der Sowjetunion und der DDR vorige Woche einen gemeinsamen Brief an die Prager Parteiführung, in dem sie vor ideologischer Aufweichung und Untreue gegenüber dem Warschauer Pakt warnten. In seiner Gegendarstellung zeichnete das Präsidium der KPC das Bild eines aufgeklärten Reformkommunismus. Wir zitieren die wichtigsten Passagen der Briefe

... aus Warschau

"Wir können jedoch nicht damit einverstanden sein, daß feindliche Kräfte Ihr Land vom Weg des Sozialismus stoßen und die Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören.

Trotz der Beschlüsse des Maiplenums des ZK der KPC ... wurde der verstärkte Angriff der Reaktion nicht zum Stehen gebracht. Gerade dadurch erhielt die Reaktion die Möglichkeit, öffentlich mit einer im ganzen Lande verbreiteten politischen Plattform unter dem Namen "2000 Wörter" hervorzutreten ... Dem Wesen nach ist diese Erklärung die politisch-organisatorische Plattform der Konterrevolution ...

Um die sozialistischen Errungenschaften in der Tschechoslowakei zu schützen, ist es notwendig ... alle Mittel zur Verteidigung ... zu mobilisieren, mit der Tätigkeit aller politischen Organisationen, die gegen den Sozialismus auftreten, Schluß zu machen, die Leitung der Massenmedien – Presse, Rundfunk, Fernsehen – durch die Partei zu sichern ... Das erfordert die Geschlossenheit der Reihen der Partei selbst auf der prinzipiellen Grundlage des Marxismus-Leninismus, die unbedingte Einhaltung des Prinzips des demokratischen Zentralismus.

Wir wissen, daß es in der Tschechoslowakei Kräfte gibt, die in der Lage sind, die sozialistische Ordnung zu verteidigen ... Die Aufgabe besteht heute darin, diesen gesunden Kräften eine klare Perspektive zu weisen, sie zum Handeln zu bringen ..."

... aus Prag

Dokumente der Spaltung

"Die Tschechoslowakei respektiert ihre vertraglichen Verpflichtungen voll und ganz...

Die Kommunistische Partei ist von der freiwilligen Unterstützung des Volkes abhängig: Sie erfüllt ihre führende Rolle nicht dadurch, daß sie über die Gesellschaft herrscht... Sie kann ihre Linie nicht durch Befehle durchsetzen, sondern durch die Arbeit ihrer Mitglieder und die Glaubwürdigkeit ihrer Ideale.

Die führende Rolle unserer Partei litt in der Vergangenheit schwer durch die Abweichungen in den fünziger Jahren und deren widersprüchliche Bewältigung durch die Führung unter A. Novotny.

Jegliches Anzeichen für eine Rückkehr zu diesen Methoden würde den Widerstand der überwältigenden Mehrheit der Parteimitglieder hervorrufen... Mit einem solchen Schritt würde die Partei ihre führende Rolle gefährden und eine Situation schaffen, in der tatsächlich ein Machtkonflikt entstehen würde...

Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei versucht zu zeigen, daß sie einer anderen politischen Führung und Verwaltung fähig ist als der diskreditierten bürokratisch-polizeilichen Methoden...

Zum jetzigen Zeitpunkt kann den Interessen des Sozialismus in unserem Land am besten durch das Schaffen von Vertrauen in die Führerschaft der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gedient werden sowie durch volle Unterstützung ihrer Politik seitens unserer Bruderparteien."