Von Wolfgang Boller

Theodor Mamlock weiß alles über New York. Er kennt alle Superlative und alle Preise. Er weiß, wie hoch das höchste Gebäude der Welt in den Himmel ragt und was der Lift hinauf kostet, er weiß, was man im teuersten Restaurant von Manhattan für das Menü zahlt und zu welchem Preis das kostbarste Gemälde im Metropolitan Museum angeschafft wurde, und natürlich weiß er, wie ganz New York, wo Jacqueline Kennedy wohnt und wo Sammy Davis singt. Die genauen Zahlen entnimmt Theodor Mamlock einem randvoll mit Notizen bedeckten Schulheft.

Also: Das Empire State Building, vornehmste aller New Yorker Sehenswürdigkeiten, ist bis zum 102. Stockwerk 380 und bis zur äußersten Spitze 430 Meter hoch, das Ticket für den Lift kostet 1.50 Dollar, und an schönen Tagen (jährlich anderthalb Millionen Besucher) steht man ungefähr eine Stunde in der Schlange. Im französischen Restaurant "Lutece" in der 50. Straße zahlt man für ein Mittagessen für zwei Personen mit Wein von 50 Dollar an aufwärts. Das sehr berühmte Rembrandtgemälde "Aristoteles betrachtet die Büste Homers" hat 2 300 000 Dollar gekostet, und, wie ganz New York weiß, wohnt Jacqueline Kennedy in der Fifth Avenue am Central Park und singt Sammy Davis im Nachtklub "Copacabana" (Mindestverzehr 7.50 Dollar).

Der New Yorker Fremdenführer Theodor Mamlock (Nr. 164) überspielt mit europäischem Taktgefühl und dazugelernter Unbefangenheit die Erwartung, daß solche Zahlen und solche beklemmende Unmittelbarkeit von Völkerschicksal, Rekord und Klatsch die Amerikareisenden aus der Bundesrepublik auch nur im geringsten beeindrucken könnte. Er entwirft ihnen auf der Stadtrundfahrt im glühend heißen Bus ("Die große Tour", viereinhalb Stunden, 6.50 Dollar) im Plauderton eine Faustskizze zum Zurechtfinden oder Abhaken, eine Anleitung zum Selberbasteln einer Gewalttour zu lauter unerläßlichen Monstrositäten: von der "größten gotischen Kathedrale der Welt", St. John the Divine (Grover-Cleveland-Gotik, unvollendet), bis zur größten Freiheitsstatue der Welt, einem Geschenk Frankreichs mit hohlem Haupt und Fingernägeln groß wie Kuchenplatten.

Den Amerikareisenden verschwimmen die Sehenswürdigkeiten hinter Schweißbächen. Das ist also New York. Darum sind sie über den großen Ozean geflogen, angelockt, wenn’s denn irgendwelche wägbaren Gründe für dies seltsamste Ziel der deutschen Ferienunrast gibt, von Neugier und Vorurteilen, Romantik und Pennälerlektüre: um in ihrem Innern den leuchtenden Trompetenton zu hören, um von diesem bitteren, süchtig machenden Getränk zu trinken, Monotonie und Peitschenhiebe. Was sie sehen: Graue, blitzende Fassaden bis zur Höhe des Busfensters, darüber Stockwerke wie Berge, gebündeltes Licht. Querstraßen wie gesägte Schneisen. Eine Stadt mit grausamen Augen übersieht den alt gewordenen deutschen Lausbub.

Für viereinhalb Stunden allen Entscheidungen und Verlockungen entrückt, bleiben die Amerikareisenden in der Geborgenheit des rollenden Backofens der Gewohnheit treu, jede Dollarzahl sogleich mit vier zu multiplizieren, dieweil sie die verbleibenden Tage und Stunden ihres Aufenthalts auf die unerläßlichen Sehenswürdigkeiten Manhattans verteilen: Besichtigung des UNO-Komplexes (1.25 Dollar gleich fünf Mark) und Mittagessen im Speisesaal der Delegierten (2.75 Dollar gleich elf Mark); von den bedeutenden Museen vielleicht nur das Museum of modern Art (1.25 Dollar gleich fünf Mark) oder das Guggenheim Museum (50 Cent gleich zwei Mark); eine halbe Stunde mit der Pferdedroschke durch den Central Park (fünf Dollar gleich 20 Mark); drei Stunden mit dem Schiff rund um Manhattan, ganz unerläßlich wegen der berühmten Skyline (drei Dollar gleich 12 Mark); ein Abend in der Radio City Hall, zu deren Veranstaltungen auch die New Yorker Schlange stehen, mit einem Programm aus Film, Revue und Orchestermusik (1.95 Dollar gleich 7,80 Mark).

Weitere unerläßliche Sehenswürdigkeiten und Merkwürdigkeiten kosten nur die Gebühr für die Anreise mit U-Bahn und Bus (je 20 Cent gleich 80 Pfennig) oder Taxe (45 Cent gleich 1,80 Mark für das erste Viertel eines Kilometers, zehn Cent gleich 40 Pfennig für jeden weiteren halben Kilometer) – so das Metropolitan Museum und die Sammlung Frick, die Vorstellungen des New Yorker Shakespeare Festivals am Belvedere See im Central Park und die Wochenendkonzerte der Hippies, Straßenmusikanten und Amateure auf dem Washington Platz in Greenwich Village.