Von Heinz Josef Herbort

"Die Oper ist übrigens äußerst schwer zu exequiren." – Prager Oberpostamtszeitung, 3. November 1787

Stendhal war kein Hi-Fi-Fan. Leute, die wie er Mozarts "Don Giovanni" durch einen Spalt der angelehnten Logentür hören – auch Günther Rennert fand in der letzten Ausgabe der ZEIT des Dichters Verfahren "am herrlichsten" – und die damit verzichten auf Raumeffekt und Streicherglanz, auf die Möglichkeit, rechts und links und vorn und hinten sowohl im Orchestergraben wie auf der Bühne akustisch zu erkennen, die die Linie der ersten Klarinette gar nicht von der der zweiten Violine getrennt haben wollen und sich mit dem unteren Frequenzbereich zufriedengeben – solche Kunden hätte unsere Schallplattenindustrie gern. Sie ersparten ihr eine Menge teurer Apparate und komplizierter Aufnahmeverfahren.

Stendhal war auch kein Enthusiast des Musiktheaters. Seinetwegen brauchten sich Männer wie Walter Felsenstein oder Günther Rennert keine Gedanken darüber zu machen, ob der "Giovanni" überhaupt spielbar ist und wie sie das Dilemma von opera seria hier und buffa dort überwinden könnten.

Daß aber nicht nur schön zu singen, sondern auch eine Figur, eine Rolle darzustellen sei, daß man also eigentlich schon aus der musikalischen Interpretation auf einen bestimmten Charakter schließen können und nicht mangels optischer Kontrolle eine Donna Anna mit einer Zerlina verwechseln sollte, dies wenigstens dürfte auch der an der Logentür horchende Stendhal verlangt haben.

Durchaus möglich daher, daß Stendhal mit jeder der sieben zur Zeit in westdeutschen Schallplattengeschäften käuflichen "Don Giovanni-Gesamtaufnahmen zufrieden gewesen wäre.

Der moderne, Hi-Fi und Musiktheater gewohnte Käufer wird dagegen bei der Wahl von einer Qual in die andere gerissen.