Mit 23 Jahren war er Inspecteur des Finances, mit 32 Leiter der Abteilung Handelspolitik beim Wirtschaftsministerium, mit 33 Generaldirektor für den Binnenmarkt bei der EWG, mit 41 Generaldirektor der französischen Planungsbehörde und mit 42 bot Pompidou ihm das erste Ministeramt an.

Es ist eine erstaunliche Karriere, die Francois-Xavier Ortoli binnen kurzem gemacht hat. Georges Pompidou, der ihn sehr schätzt, berief ihn zuerst zum Minister für Wohnungsbau und öffentliche Projekte. Als die Mai-Krise in Frankreich sich ausdehnte, wechselte Ortoli seinen Ministersessel als Nachfolger von Alain Peyrefitte und übernahm das schwierige Ministerium für Erziehung. Die Krönung seiner Karriere aber stellt zweifellos seine Berufung zum Finanz- und Wirtschaftsminister durch Frankreichs neuen Premier Couve de Murville dar. Couve de Murville lehnte die Kandidatur Edgar Faures, eines alten Hasen der Politik, ab und entschied sich statt dessen für einen Fachmann, einen Technokraten, der es sich angesichts des drohenden wirtschaftlichen Chaos leisten kann, ohne politische Rücksichten unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen.

Ortoli gehört zu der "Mafia der jungen Herren", wie man die ehemaligen Absolventen der berühmten Verwaltungsschule Ecole Nationale d’Administration (ENA) in Frankreich mitunter nennt.

Die Schule wurde kurz nach dem letzten Kriege von General de Gaulle und Michel Debré ins Leben gerufen. Sie sollte die künftigen Funktionäre "das Staatsbewußtsein lehren". Inzwischen sind etwa ein Drittel der 6000 höheren und hohen Beamten Frankreichs durch diese Schule gegangen. Viele von ihnen, darunter der frühere Wirtschafts- und Finanzminister, Valéry Giscard d’Estaing und Alain Peyrefitte, machten eine Blitzkarriere. Etliche Absolventen dienen dem französischen Staat heute als Botschafter oder Generalkonsul.

"Die jungen Wölfe", die "Mandarine der Bourgeoisie", oder "Intendanten des Neokapitalismus", wie man die ehemaligen Schüler der Ecole Nationale d’Administration in Paris apostrophiert, trifft man überall in Brüssel bei der EWG, in fast allen Ministerien, aber auch in der Provinz als Vertreter der Regierung.

Zur Ecole zugelassen werden jährlich nur etwa 90 bis 100 von jeweils 800 bis 1000 Kandidaten mit abgeschlossenem Hochschulstudium. Die auserwählten Zöglinge lernen, "wie man am vernünftigsten die Sache des Staates vertritt und verficht, wenn sie gut ist und wie man Reformen plant und vorschlägt, wenn sie nicht unanfechtbar sind", wie es in einem offiziellen Informationsblatt heißt.

Die Schüler der ENA beziehen ein monatliches Stipendium von 1200 Franc und verpflichten sich, dem Staat 10 Jahre lang zu dienen oder ihr Stipendium ganz oder teilweise zurückzuzahlen.