Daniil Melnikow: "Der 20. Juli 1944. Legende und Wirklichkeit"; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 250 Seiten, Pb. 14,80 DM.

Daniil Melnikow, Professor an der Moskauer Akademie der Wissenschaften, hat mit seiner schon vor Jahren erstmals publizierten Arbeit über den deutschen Widerstand gegen Hitler – wie Bodo Scheurig in der Einleitung zur jetzt erscheinenden westdeutschen Ausgabe mit Recht sagt – für östliche Historiker einen Meilenstein gesetzt. Daß Melnikow nicht allein die Aktivität der Linken darstellte, sondern die konservativnationalen Gruppen, den Kreisauer Kreis oder die "Weiße Rose" ebenso ausführlich, zudem mit offensichtlich noch größerem Interesse behandelte, hat seither eine breite Bresche in eine lange Zeit fast fugenlose Mauer aus ideologisch und politisch begründeten Vorurteilen geschlagen und ein differenzierter es Bild von der inneren deutschen Entwicklung im 20. Jahrhundert erzwungen.

Wie sehr sich Melnikow um Differenzierung bemüht, wird nicht zuletzt spürbar, wenn er in seiner Analyse der Vorstellungswelt des deutschen Offizierskorps scharf zwischen einer von Ludendorff bestimmten Richtung und einer von Seeckt geprägten Schule unterscheidet: Während die Anhänger Ludendorffs in Hitlers expansionistischer Außenpolitik und militärischen Blitzkriegskonzeption den praktischen Vollzug der Ideen des Generals gesehen hätten und deshalb dem "Führer" gefolgt seien, hätten sich die Schüler Seeckts, der ja stets für eine deutsch-sowjetische Verständigung eingetreten sei, immerhin ein gewisses Maß an Realismus bewahrt und daher, wie etwa Beck oder Stauffenberg, Hitlers Abenteuerpolitik ein Ende zu machen versucht. Allerdings unterschlägt Melnikow, daß die deutsch-sowjetische Verbindung bis 1933 wesentlich auf der gemeinsamen Feindschaft gegen Polen beruhte; auch übersieht er, daß Hitler zwar insofern neben Ludendorff steht, als er die Politik ausschließlich als Gehilfin der Kriegführung verstand, daß aber sein bis 1942 gültiges Konzept der Blitzkriege nichts mit dem "totalen Krieg" zu tun hatte und durchaus als Fortsetzung Seecktscher Gedanken begriffen werden kann.

Solche Einschränkungen weisen auf die Hauptschwäche des Buches hin: Von einer stattlichen Reihe sachlicher Fehler und Irrtümer abgesehen, finden sich so viele ungenaue, schiefe und völlig falsche Urteile, daß sich die Frage nach dem Sinn einer westdeutschen Ausgabe aufdrängt.

So werden die konservativen Widerständler aus falschen Gründen zu Reaktionären und die Kreisauer – mit Stauffenberg – aus ebenso falschen Gründen zu Helden des Fortschritts gestempelt, die religiösen, ethischen und innenpolitischen Motive der Konservativen unter den Tisch gewischt oder in ein Interpretationsschema gepreßt, das vor der prallen Fülle der historischen Wirklichkeit versagen muß. Zum hohen Anteil des Adels am 20. Juli 1944 etwa bemerkt Melnikow: "In den Angriffen der Hitlerfaschisten auf den grundbesitzenden Adel spiegelte sich in gewissem Maße auch die Rivalität zwischen den Grundbesitzern und gewissen monopolistischen Kreisen in Deutschland wider; denn obwohl ein ‚unverbrüchliches Bündnis‘ zwischen den Monopolherren und den Grundbesitzern bestand, wurde innerhalb dieses Bündnisses zwischen den beiden verschiedenen Klassen selbstverständlich ein ständiger Kampf geführt. All das bedingte, daß unter dem grundbesitzenden Adel Deutschlands die oppositionellen Stimmungen so weit verbreitet waren." Hier verwandelte sich Erklärung in ideologisches Gestammel.

Vermutlich hätte Melnikow das opportunistische Element im deutschen Widerstand auf ein annähernd richtiges Maß begrenzen, zugleich den Konservatismus Goerdelers oder Hassells exakter, den Progressismus der Kreisauer vorsichtiger bestimmen können, wenn sein Buch nicht – und dies ist die eigentliche Ursache seiner Schwächen – weit hinter dem Stand der Forschung zurückbliebe. Darstellung und Bibliographie beweisen, daß Melnikow die bis 1962 erschienene Literatur nur in einer willkürlichen Auswahl und die später publizierten Arbeiten überhaupt nicht berücksichtigt hat. Wären ihm zum Beispiel die älteren Studien über die Opposition zwischen Polen- und Frankreichfeldzug bekannt gewesen, die Kosthorst und Sendtner geschrieben haben – ganz zu schweigen von der neuesten Untersuchung dieser Periode, die Harold Deutsch vorgelegt hat –, dann hätte er die oppositionelle Aktivität Halders wohl kaum auf die Wochen vor dem Münchner Abkommen eingeengt und die Staatsstreichplanungen des OKH im Herbst 1939 völlig übergangen. Erst recht ist es heute nicht mehr angängig, ein Buch zu veröffentlichen oder neuaufzulegen, in dem apodiktische Thesen über die gesellschaftspolitische Orientierung der konservativ-nationalen Honoratioren und über die politischen Vorstellungen der Kreisauer formuliert werden, in dem aber das von dem holländischen Historiker Ger van Roon erschlossene Material, das solche Thesen erst möglich macht, ebenso fehlt wie eine Auseinandersetzung mit dem grundlegenden Essay Hans Mommsens über Gesellschaftsbild und Verfassungspläne des deutschen Widerstands.

Die Bekanntschaft mit der sowjetischen Sicht des deutschen Widerstands ist allmal nützlich und anregend. Aber es wäre sinnvoller, diese Sicht in einem Buch kennenzulernen, das nicht, wie die Arbeit Melnikows, auf dem Wissen und auf den Kontroversen der späten fünfziger Jahre gründet. Melnikow kommt das Verdienst zu, die Voraussetzungen für eine fruchtbare Auseinandersetzung zwischen westlicher und östlicher Geschichtschreibung geschaffen zu haben; zur Auseinandersetzung selbst gehört sein Werk im Grunde noch nicht. Meilensteine markieren den Beginn, nach einiger Zeit aber nur mehr den Beginn einer Entwicklung. Hermann Grame