Freitag, 19. Juli, 2. Programm: "Das Berliner Zimmer"

Schulden, gnädige Frau? Der Herr Gemahl hat in Travemünde gejeut? Das Söhnchen muß für Alimente aufkommen? Man möchte nach Acapulco zu Teddy oder nach Nizza zu Grace? Das Konto ist leer, und der neue Jaguar steht schon vor der Haustür? Aber gemach doch, gemach, lassen Sie den Revolver getrost in der Schreibtischschublade, hören Sie auf, die Schlaftabletten zu zählen – es ist nicht der geringste Grund zur Besorgnis, Das Geld liegt heutzutage auf der Straße, Sie brauchen nichts weiter zu tun, als sich an ihrem Sekretär niederzulassen und sich ein kleines Spielchen, ein klitzekleines Gartenlaube-Etüdchen, einfallen zu lassen.

Das sei schwer, das wolle gelernt sein, man müsse das können? Aber nicht die Rede davon! Wozu hat schließlich Ihr Jüngster seinen Ploetz auf dem Regal, wozu nennen Sie in Berlin eine Schwester namens Aline ihr eigen, deren Lebensgeschichte so bunt wie bewegt ist? Also nicht lange gefackelt und frisch von der Leber parliert! Wie wäre es, wenn Sie in der Silvesternacht des Jahres 1899 begännen, der Photograph macht ein Familienphoto, Aline feiert an Eduards Seite die Stammhalter-Taufe?

Und weiter, wer ist noch von der Partie? Der Vater selbstredend, der muß kaisertreu sein, und dann noch der Bruder, den gestalten Sie natürlich sozialdemokratisch, aus Gründen des Kontrasts und der Gerechtigkeit, ein bißchen rosa, am besten: Wenn Spartakus kommt, wird er zu Ebert und Scheidemann stehen, und im KZ muß er sein, wo denn sonst, wenn die Braunen regieren, und wenn die Russen aufkreuzen, soll er Gelegenheit haben, dem Iwan den Schneid abzukaufen. Sehen Sie, so einfach ist das.

Und außerdem haben Sie ja immer noch den Ploetz zur Verfügung, damit kann Ihnen gar nichts geschehen. Sagen Sie also: "Dann kam der Krieg, dann die Revolution, dann der Hitler, der Russe, der Ulbricht" – geben Sie den Archivaren die Chance, ihre alten Streifen zu zeigen, den Kaiser beim Holzhacken und die laufenden Puppenmänner, den bösen Hitler und den lieben Stresemann, die schlimme Mauer und das gute Blockadeflugzeug, und fügen Sie dem allen ein paar illustrierende Szenen aus Schwester Alines Photoalbum hinzu.

Was die Sprache angeht, die spricht sich ganz wie von selbst: "Schade, daß du deine Uniform nicht anhast, Vater", muß der kleine Fritz bei Kriegsausbruch sagen, denn das haben damals alle kleinen Fritze gesagt... und ahnten doch nicht, daß nicht allein ihre Väter, sondern sie selbst fallen würden. Nur nicht mit tragischen Tönen gespart! Der Tod gehört nun einmal dazu; außerdem sorgt er dafür, daß das Personal übersichtlich bleibt und die Produktionskosten sich in den üblichen Grenzen bewegen. Immer abgeräumt also, immer munter die Schleifchen ans Kriegerphoto geheftet, fort mit dem Gatten und fort mit dem Greis: Der mag als Wallenstein im Angesicht des Spartakisten-Gesindels den schwarz-weiß-roten pere-noble Tod sterben!

Dann aber rasch einen Nazi herbei... genau in der rechten Sekunde natürlich, im Augenblick des Marschs auf die Feldherrnhalle zum Beispiel, und dann Nazi auf Sozi gehetzt und nicht mit Judensau und Judenknecht gegeizt und vor allem nie die Maxime vergessen, daß rot soviel wie braun und braun soviel wie rot bedeutet und daß da nicht der geringste Unterschied ist!

Sie sehen, die Geschichte schreibt sich tatsächlich von selbst; was folgt, ist ohnehin klar: Der 30. Januar sieht die Familie, wie es sich gehört, am Radio, während der Olympiade treten die Schlapphutmänner ins Rebellenbüro, im Krieg ist der entlassene Sozi mitsamt dem wackeren Fremdarbeiter Kazimierz aufs neue vor dem Radio postiert – diesmal um BBC zu hören, natürlich – und dann kommen auch schon die Russen, kommt die Blockade, kommt, in der nächsten Generation, die junge Braut in der Zone, fern der Bräutigam und krank das Mütterlein, kann nicht zu dir, mein Lieb, und dann kommt das Geld und die Reise zu Teddy oder zu Grace, mit achtzehn Mille ist die Heimarbeit am Sekretär nicht schlecht bezahlt, und wenn Sie dann fertig sind, gnädige Frau, und Ihnen auch der Titel eingefallen ist, Das Berliner Zimmer, das klingt nach Brecht und Bolle zugleich, dann freilich wird ein Wermutstropfen in Ihre Glückseligkeit fallen. Etwas Entsetzliches nämlich hat sich ereignet: Sie haben den zwanzigsten Juli vergessen. Momos