Als der "Viet-Nam-Diskurs" aufhörte, Theater zu sein, hörte er auch auf, im Theater zu sein. Im Stil einer politischen Farce hat sich an den Münchner Kammerspielen in den letzten vierzehn Tagen die Auseinandersetzung um die Aufgaben und Grenzen des Theaters so zugespitzt, daß die Vorstellung des Stücks nun nicht mehr stattfinden kann.

Wir haben über die ersten Vorfälle bereits berichtet. In der Peter-Stein-Inszenierung des Viet-Nam-Diskurses spielte Wolfgang Neuss eine Art Conferencier-Rolle, in der er den Satz sagte: "Nicht erlaubt ist, Mitleid zu haben. Erlaubt ist, für Waffen und den Vietcong zu spenden." Dieser Satz war der Theaterleitung bekannt. Sie hielt ihn später für "rein rhetorisch". Nicht bekannt war ihr, daß die Aufforderung zum Spenden am Schluß noch direkt wiederholt wurde und das Publikum auch zum Geldgeben veranlaßte.

Diese Spende, die dem Vietcong über eine Pariser Sammelstelle zugeführt werden sollte, erregte den Unwillen des nicht unterrichteten Verwaltungsdirektors, der – mit Hinweis auf ein bayerisches Sammlungsgesetz – den Schauspielern das Sammeln im Theater untersagte. Dennoch kam es in der zweiten Vorstellung zu einer spontanen Sammlung, nachdem die Akteure das Publikum von dem Verbot unterrichtet hatten.

Nach dem Verbot schlug die Direktion der Kammerspiele als Kompromiß eine Sammlung außerhalb des Hauses der Kammerspiele nach Schluß der Vorstellung vor. Neuss und die Mehrzahl der Betroffenen lehnten ab. Und zwar mit dem Argument, Neuss habe das Stück nun einmal so geprobt, nun könne er nicht so rasch umlernen, außerdem sei die Aufforderung zum Sammeln ein integrierter Bestandteil der Aufführung. Darauf mußten alle weiteren Vorstellungen abgesagt werden. Schließlich wurde auch eine Vorstellung von Bonds "Gerettet" in den Kammerspielen gestürmt und eine Diskussion erzwungen. Die Theaterleitung ihrerseits weigerte sich, den Schauspielern zu gestatten, das Stück außerhalb des Werkraums der Kammerspiele aufzuführen.

Ohne Zweifel hat Intendant Everding recht, wenn er am Wochenende in einem Artikel in den Münchner Zeitungen die Frage stellt, ob es denn "denen, welche die weiteren Vorstellungen nicht spielen wollen", darauf ankomme, daß Weiss gespielt und für den Vietcong gesammelt werde – oder darauf, daß die Kammerspiele in den Ruf "autoritärer Praktiken" kämen. Das Argument, daß man nur im Theater, in der Vorstellung sammeln könne, da man sonst die Integrität einer Inszenierung zerstöre, ist tatsächlich so offenkundig aus einer so anderen Kunstauffassungskiste, daß es nichts anderes als taktischer Vorwand sein kann.

Trotzdem haben auch Neuss, Stein und die mit ihnen solidarisierenden Schauspieler nur konsequent gehandelt, wenn sie den Spielraum, den die politische Aktivität auf dem Theater hat, nicht bei den zugebilligten Halbheiten begrenzt ließen. Sie haben das Spiel von dem offenen Spielplan bis zu Ende gespielt.

Wer meint, es sollte auf der Bühne nicht für Waffen für den Vietcong gesammelt werden, oder auch nur der Ansicht ist, alles hätte sich abwenden lassen, wenn die Schauspieler es bei dem Kompromiß der Straßensammlung hätten bewenden lassen, hat sich zumindest ein paar Fragen nicht gestellt.