Zum Beispiel die, warum Vietnam für viele Deutsche ein so bedrängendes innenpolitisches Thema ist, während Biafra nicht die gleichen heftigen und aktiven Sympathiewellen mit den Opfern hochschlagen läßt. Liegt es nicht auch daran, daß ein jahrelang offiziell beschwichtigtes Mißtrauen jetzt beispielsweise meinen könnte, weder das Sammlungsgesetz wäre bemüht worden, noch die ganze verwaltungstechnische Aufregung wäre entstanden, wenn Schauspieler spontan für Israel, Biafra oder Ungarn zum Spenden gerufen hätten. Dann aber wäre Neussens Vorgehen eine rüde, aber konsequente Probe aufs Exempel gewesen.

Andererseits traf diese Erprobung der Grenzen der Toleranz ein Theater, das ohnehin relativ aufgeschlossener und weniger opportunistisch ist als die meisten übrigen hierzulande. Die Theaterleute, die da auf der Spende im Theater bestanden, haben mit ihrer Aktion an den Kammerspielen auch zu verstehen gegeben, daß sie lieber auf alles verzichten als Kompromisse mit dieser ihrer Bühne treffen, die sie immerhin in die Lage versetzte, das Weiss-Stück bis an diese Grenze zu spielen. Sie haben sich kompromißlos ein Podium zerstört, daß ihnen wenigstens noch bis zu diesem Streitpunkt zur Verfügung stand. Um nicht als Alibi dienen zu können, haben sie auf die Aufklärung verzichtet.

So fintenreich-kläglich, so strapaziös, und farcenhaft der Streit auch wirkte, bis die Vorstellung platzte – er stellt eine aufschlußreiche Konsequenz der gegenwärtigen Diskussion über die Grenzen der Politik auf dem Theater dar.

Hellmuth Karasek