Freundlich zu Deutschen

Von René Drommert

Unser Redaktionsmitglied René Drommert bereiste nicht ohne Schwierigkeiten seine alte Heimat. In loser Folge berichtet er über Begegnungen in Ländern, die aus dem Blickfeld der meisten Mitteleuropäer geraten sind.

Es begann ärgerlich. Die Reiseroute, die ich mir zurechtgelegt hatte, wurde von "Intourist" in Moskau und der sowjetischen Botschaft in Rolandseck nicht genehmigt. Zwar hatte ich vor allen Dingen die Hauptstädte der Sowjetrepubliken Lettland und Estland sehen wollen, dann auch die Hauptstadt Litauens. Darüber hinaus aber wollte ich zum Beispiel nach Werro. Auf einem Gut in der Nähe dieser Stadt bin ich geboren, und seit ich es im Alter von zwölf Monaten verließ, weil meine Eltern nach Riga übersiedelten, war ich nicht mehr dort gewesen...

Die estnische Universitätsstadt wollte ich sehen, die, wie die meisten baltischen Orte, mehrere Namen hat, je nachdem: Dorpat, wenn man den alten deutschen, Jurjew, wenn man den alten russischen Namen nennt, Tartu, wenn man den estnischen und jetzt gültigen Namen wählt. Oft gibt es für Ortschaften in jeder dieser Sprachen je zwei Bezeichnungen, eine alte und eine neue. Es ist nicht leicht, sich da auszukennen, und Schwierigkeiten der Transliteration kommen noch hinzu.

Aus familiengeschichtlichen Gründen wollte ich Tuckum aufsuchen, die kleine Stadt westlich von Riga, aus ganz anderen die Hafenstadt Libau, die lettisch Liepaja heißt und sich früher auf russisch Libawa nannte. Da war ich in den letzten Monaten des Krieges gewesen. Von Danzig aus war ich (der Landweg war längst unterbrochen) mit dem Schiff in die sogenannte Festung Kurland gelangt.

In jener Zeit, als die Deutschen politisch "ausgenüchtert" wurden, war ich mit dem Sudetendeutschen Hauptmann Meinl befreundet. Mitten im kurländischen Hexenkessel des Verfalls leitete er ein Lager von russischen Kriegsgefangenen auf die unbegreiflichste Weise – vor allem auch gegen jede Wehrmachtsvorschrift. Fünfhundert Gefangene lebten bei ihm in Libau, obwohl nahe der Front, ohne Schloß und Riegel, ohne Stacheldraht, nur durch das Wort gebunden, ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten.