Kriminalität im Wohlstand

Von Adolf Müller-Emmert

Staatsanwalt Dr. Adolf Müller-Emmert, MdB, Kaiserslautern, ist Stellvertretender Vorsitzender des Sonderausschusses "Strafrecht" im Deutschen Bundestag.

Das öffentliche Bild vom Ganoven stimmt nicht mehr. Allerdings wollen es die Kriminalstatistiken für die Bundesrepublik Deutschland (pflichtgetreu und sorgsam nach föderalistischen Unterlagen addiert) noch nicht ganz wahrhaben. In diesen Bestandsaufnahmen über Verbrechen dominieren Bankräuber, Einbrecher, Scheck- und Wechselbetrüger, Hochstapler, Heiratsschwindler und Falschmünzer. Doch daß es "Gangster im Frack", mit weißem Kragen und rabenschwarzen Methoden gibt, deren "Erfolgsbilanz" unterm Strich der Betrugskriminalität alles Dagewesene in den Schatten stellt, erscheint zum Teil selbst altgedienten und durch keine "neue Masche" aus der Ruhe zu bringenden Fahndungsbeamten noch als Legende. Die Beamten sind stolz, wenn sie eine Diebesbande aufgerollt und einige der Hehler überführt haben; sie erlegen gleichsam Hasen und lassen dabei Hirsche Flurschäden anrichten, deren ungeheure Ausmaße bisher nur zu ahnen sind.

Der Gangster, der heute auf sich hält, plant und verübt seine Delikte am Schreibtisch, läßt sich vor der Ausführung juristisch beraten und bemüht sich um gesellschaftlichen Kontakt mit Oberstaatsanwälten, Gerichtspräsidenten und Vorsitzenden von Wohltätigkeitsvereinen. Er leitet Konferenzen, gibt sich als Mäzen und Biedermann; und unter dem Deckmantel der Ehrbarkeit macht er Millionen. Diese Kriminalität der feinen Leute schießt üppig ins Kraut. Sie hat in Deutschland, wo die Ehrfurcht (selbst vor vermeintlichen) Titeln und Mitteln noch immer weitverbreitet ist, ausgezeichnete Chancen. Selbst nach der Entlarvung eines Gangsters im Frack ist man hierzulande noch nicht geneigt, die Gefahr und ständige Ausweitung dieser modernen Kriminalität ganz zu erkennen. Dabei wird in bedenklicher Weise ignoriert, daß diese Erscheinungsform des Verbrechertums auch bei uns wie eine Seuche um sich greift. Die White-Collar-Gangster, die Verbrecher mit weißen Kragen, kassieren nach großen Schätzungen in den USA jährlich vier Milliarden Mark. Dabei ist Amerika auch auf diesem Gebiet keineswegs mehr allein das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Salon-Gangstertum spielt auch in Deutschland schon eine erschreckende sozialschädliche Rolle.

Dafür gibt es eine stattliche Reihe von Indizien:

Aus dem EWG-Agrarfonds haben sich Exportfirmen aus der Bundesrepublik durch sogenannte "Luftgeschäfte" Millionenbeträge erschwindelt. Besitzer von Hühnerfarmen haben sich Hunderttausende von Mark an Prämien für Qualitäts- und Frischeier zahlen lassen, die im buchstäblichen Sinne des Wortes Windeier waren. Kein Huhn hatte sie je gelegt.