Als sie geschieden war, zog sie mit ihrem Kind IX. aus dem schönen Haus aus und in einen Block des sozialen Wohnungsbaus ein. Dort lebte sie bescheiden mit dem Kind und ging ihrer Arbeit nach. Eines Tages in der Frühe klingelte es. Ein fremder Herr, vom Jugendamt, stand vor der Tür. Er ward hereingebeten. Man unterhielt sich über dies und das, bis die junge Frau schließlich fragte, was den Herrn denn eigentlich zu ihr führe; sie arbeite, zahle ihre Miete und habe das Sorgerecht für ihr Kind.

Der Herr mußte daraufhin, berichten, daß die An-, Über-, Unter- und Nebenwohner ihn, sein Amt, alarmiert haben: Sie bade ihr Kind täglich. Täglich! Was doch – so die Leute – wohl nicht anginge; denn schließlich, so sagten sie, sei ihr aller Badetag der Samstag, und nur Samstag. Da müsse das Amt einmal "nach dem Rechten" schauen. Was er hiermit tue.

Die gleichgeschaltete Bewohnerschaft eines sozialen Wohnblocks war nun freilich keineswegs für sparsamen Wasserverbrauch oder gegen den mit Duschen und Baden verbundenen Lärm eingetreten, was ja verständlich wäre. Nein, das tägliche Badebedürfnis erregte Argwohn, ja Verdacht: Da ist eine geschiedene Mutter, die sich nicht an ungeschriebene Hausgesetze hält, kein Blockbewußtsein entwickelt, einfach Einzelmensch bleibt. Da muß das Amt gerufen werden, die individuelle Regung zu ahnden; die Behörde wird sie zur Räson bringen.

Die Sozialmieterin, nach dem Besuch des Jugendamtvertreters, badet ihr Kind weiter. Täglich. Ch. B.