Von Hansjakob Stehle

Zehn Kilometer vor der slowakisch-sowjetischen Grenze bei Uzgorod: Neugierig drängen sich die Dorfkinder in ihren frischgewaschenen Sonntagskleidern um einen sowjetischen Armeelastwagen und versuchen zu plaudern. Die älteren Dorfbewohner stehen stumm unter ihren älteren sie blicken nicht unfreundlich, eher erleichtert auf den Wagen, die Vorhut einer Kolonne, die sich – geführt von einem weißblauen tschechoslowakischen Polizeiwagen – der Grenze nähert.

Hier in der Ebene, südlich der niederen Beskiden, bewegt sich der Zug ein wenig schneller an diesem Wochenende, das – nun schon als fünfter – Schlußtermin des Rückzugs der Manövertruppen aus der Tschechoslowakei genannt worden war. "Bisher war unser großer Verbündeter stets schneller und pünktlicher", meint mit leicht sarkastischem Unterton ein slowakischer Milizionär, der zu dem Aufgebot gehört, das mit Armbinden und Richtungsflaggen die Wagenkolonne durch die Ortschaften geleitet, die sonntäglich verschlafen wirken.

Genauso wirken alle slowakischen Städtchen und Dörfer, durch die ich am letzten, im Grunde so erregenden Wochenende fuhr. Auf der 500 Kilometer langen Strecke bin ich keinem einzigen Soldaten, ja nicht einmal einem einheimischen Verkehrspolizisten begegnet.

Währenddessen jagten sich im Radio meines Autos die Meldungen aus Prag und Moskau in allen Sprachen. Wenn man manchen östlichen, aber auch westlichen Berichten trauen wollte, so müßte sich dieses Land am Abgrund einer "Konterrevolution" bewegen oder an der Schwelle "fremder Intervention" stehen. Der Augenschein ist anders. Viele Stunden Fahrt durch friedliches Land, Rast auf Campingplätzen, wo tschechische und slowakische Urlauber Zelt an Zelt ihre Würstchen braten und Transistoren heiße Musik statt Kalten Krieg verbreiten. Die Gespräche beim Pilsner Bier sind nicht überschäumend. Es ist nicht Mangel an Interesse, auch kein fatalistischer Gleichmut (zu dem die Slowaken, temperamentvoller als die Tschechen, schon gar nicht neigen), die Ruhe erwächst aus Besonnenheit. Sie wird in diesen Tagen von der Empfindung genährt, daß "die da oben", die führenden Männer in Prag, von denen man zumal auf dem flachen Lande nie eine besonders hohe Meinung gehabt hatte, sich jetzt plötzlich beherzt zeigen, ohne tollkühn zu sein, anständig, ohne Phrasen zu dreschen.

So etwa läßt sich die Meinung zusammenfassen, die mir in allen Gesprächen mit Jungen und Alten begegnete – auf dem slowakischen Dorf nicht anders als in den Städten, etwa in Kosice, dem östlichsten Industriezentrum der Tschechoslowakei, das wie ein ungeheures Kraftzentrum sich in diesem einst rückständigsten Teil des Landes hereingefressen hat.

Manche Kritiker meinen, diese Investition gehöre wirtschaftlich betrachtet zu den Irrtümern der letzten zwanzig Jahre, psychologisch jedoch hat gewiß der Wandel im äußeren Gesicht dieser Landschaft auch das Bewußtsein verändert. Vielleicht nicht so, wie es sich die Lehrbuch-Marxisten ausgerechnet hatten; aber mit der städtischen Zivilisation, mit der Technik, mit der Intelligenz und ihren Ansprüchen ist hier, fast tausend Kilometer von der westlichen Grenze der Tschechoslowakei entfernt, etwas entstanden, das der anspruchsvollen Bezeichnung "im Herzen Europas", die man in Prag so liebt, keineswegs weniger entspricht als die böhmische Metropole.