Von Hellmuth Karasek

Wie dem Bergsteiger, der (buchstäblich) Höchstes im Sinn hat, die Eiger-Nordwand, das Matterhorn oder der Nanga Parbat als ständige Herausforderung vor Augen schweben, so zieht es den gipfelstürmenden Schauspieler zu Shakespeares "Hamlet". Und hat er, wie Maximilian Schell, sich schon zweimal an diesem rätselumnebelten Gipfel versuchen dürfen, nämlich unter Gründgens auf dem Theater und unter Franz Peter Wirth beim Fernsehen, dann drängt es ihn – um im alpinistischen Bild zu bleiben – zu einer verwegenen Direttissima: Das sommerliche München darf zur Zeit Abend für Abend im Deutschen Theater erleben, wie Schell, der doch wahrlich nicht wenig Erfolgstrophäen sein eigen nennt, verbissen, im Alleingang und ohne Seil mit dem Dänenprinzen ringt. Gleich dreimal nennt das Programmheft Schells Namen: als Bearbeiter, als Inszenator und als Titelhelden.

In der Premiere erlebte man, wie sich die drei Maximilian Schells alle nur denkbaren Steine gegenseitig in den Weg rollten.

Der Bearbeiter Schell, der das Werk "unter Benutzung des First Quarto", wie es imponierend shakespearologisch im Programmheft heißt, neu zu fassen suchte, hat offenkundig über die Einsicht der Anglisten verfügt, daß Schlegels übersetztes "Kloster" für Ophelia auch Bordell heißen kann. Daneben schien er noch ein Lexikon zu Rate zu ziehen, das "Das treffende Wort" heißt. Denn er synonymisierte den Schlegel, koste es, was es wolle: Also war der Rest nicht Schweigen, sondern Stille, also hieß "Sein oder Nichtsein" "Zu leben oder nicht zu leben" – und das war hier nicht die Frage, sondern darum ging’s.

Auch politisch wollte die Bearbeitung sein. Nicht nur, daß Schell in einem Interview die aufregende Zeitgemäßheit des Hamlet-Vorwurfs mit dem frappierenden Vergleich eines an der Sorbonne heute studierenden Prinz Charles und einer gleichzeitig von Philipp ermordeten Königin Elisabeth verdeutlichte (als ob Wilson nicht so schon genug Sorgen hätte!) – Schell ließ auch Polonius nach einem Rosenzüchterdasein seufzen, die Schauspieltruppe von Straßentheaterleuten erzählen, die die Bühne politisch mißbrauchten, worauf Hamlet zu antworten hatte: "Na ja, ist ja ganz natürlich."

Nicht weniger zum Äußersten entschlossen zeigte sich Schells Regiewille. Da bei Shakespeare die Totengräber "Clowns" genannt werden, trollten und alberten sich zwei solche durch viele Szenen. Die Höhe der Zeit und Gegenwart war einer Beat-Combo anvertraut, die sich durch des finsteren Claudius Arbeitszimmer musizierte, als handle es sich um einen nordischen Mittsommernachtsfilm. Daher wohl auch spielten so viele Szenen im Schlafzimmer der Königin, zu dem (das Mißtrauen des falschen Königs hin oder her) jedermann erstaunlich freien Zugang zu haben schien. Und so erschien auch der Geist von Hamlets Vater hier Standes- und tageszeitengemäß in einer Art wilhelminischem Nachthemd.

Daß die Aufführung schlichtweg mehrere Motive, so den König hinter der Tapete bei Harn-Jets Ophelia-Schelte, sinnlos ins Leere laufen ließ, daß des Fortinbras doch als schlagkräftig gerühmte Truppen aussahen wie eine Gruppe von Heimatvertriebenen auf einer Wohlfahrtsmarke, daß eine ganze Reihe namhafter Schauspieler wirkten, als seien sie von Schell ins Statistenelend zurückversetzt worden, sei nur am Rande erwähnt.