Eine Frau, der nachgesagt wurde, sie sei – außer Ben Gurion – der "einzige wirkliche Mann" an der Spitze des israelischen Staates gewesen, will sich ins Privatleben zurückziehen: Golda Meir, die kürzlich ihren 70. Geburtstag gefeiert hat. Als Mitglied des Jerusalemer Kabinetts – sieben Jahre Arbeitsminister, neun Jahre Außenminister – war sie eine Ausnahmeerscheinung auf der politischen Szene.

Am 1. August, so kündigte Golda Meir Premier Eschkol in einem Brief an, wird sie nun auch das Amt des Generalsekretärs der Vereinigten Arbeiterpartei abgeben. Schon oft, insgesamt dreizehnmal, hat Golda Meir ihren Rücktritt von diesem Schaltposten der mächtigsten Partei Israels angedroht; diesmal aber meint sie es ernst. Wenn ein Politiker siebzig sei, so meinte sie unlängst einmal im Freundeskreis, soll er abtreten. Sie will sich freilich nicht ganz aus dem politischen Leben zurückziehen; sie bleibt Mapai-Abgeordnete in der Knesset, und sie wird auch weiterhin hinter den Kulissen die Fäden in der Hand behalten. Aber, so erklärte sie ihren Entschluß, das Leben mit dem vollen Terminkalender habe sie leid.

Warum nimmt Golda Meir wirklich ihren Abschied? Von privaten Gründen abgesehen, gab ihr unerwarteter Entschluß selbst ihren Parteifreunden manches Rätsel auf. Ist sie abgearbeitet, oder plagt sie eine Krankheit? Resigniert sie oder ist es eine Trotzreaktion? In der letzten Zeit gelang ihr nicht mehr alles, was sie sich vorgenommen hatte. Sie hatte sich gegen die Bedingungen der abgefallenen Rafi-Partei Ben Gurions für die Fusion mit der Mapai gesträubt und sich nicht durchgesetzt. Sie war vor Ausbruch des letzten Krieges für die Ernennung Allons zum Verteidigungsminister eingetreten und hatte widerwillig Dayan in Kauf nehmen müssen. Sie hatte sich gegen geheime Abstimmungen in ihrer Partei und gegen die direkte Wahl der Bürgermeister ausgesprochen und war gescheitert. So viele Niederlagen in so kurzer Zeit hatte Golda Meir bislang noch nie einstecken müssen. Doch die Zweifel bleiben, ob das wirklich der Grund für ihre plötzliche Entscheidung war.

Sie war nie eine Frau, die schnell klein beigab. Noch in allen kritischen Situationen stand sie ihren Mann – in frühen Jahren als Pionier in einem Kibbuz, später als Leiter der Politischen Abteilung der Jewisch Agency, als Generalsekretär in der Histadrut-Gewerkschaft, als erster Botschafter in Moskau, Ressortchef und Regierungsmitglied. In den USA sammelte sie Geld, unter den Israelis warb sie schon früh für diplomatische Beziehungen mit Bonn; fünf Tage vor Ausbruch des ersten arabisch-jüdischen Krieges, 1948 besuchte sie in geheimer Mission, als Araberin verkleidet, den damaligen jordanischen König Abdullah und versuchte, ihn zu einer friedlichen Lösung des Konfliktes zu überreden.

Schon vorher hatte sie bewiesen, aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Als sich 1947 die Engländer weigerten, ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen nach Palästina zu lassen, fastete sie über hundert Stunden. Ein Jahr später, als Botschafterin in der sowjetischen Hauptstadt, suchte sie an einem jüdischen Feiertag demonstrativ eine Synagoge auf, wobei es spontan zu einer proisraelischen Kundgebung von vielen tausend Moskauer Juden kam.

Golda Meirs Austritt aus dem Kreis derer, die einst Israels Politik bestimmten, bezeichnet einen Wendepunkt in der Geschichte dieses Staates: Von der alten Garde ist nur noch Levin Eschkol, der 72jährige Premier, im Amt. Eine neue Generation, geführt von Allon und Dayan, schickt sich an, die Macht zu übernehmen. Zwischen ihnen wird es bei den Wahlen im nächsten Jahr zum Wettstreit kommen. Und sicher wird Golda Meir auch dann noch ein Wort mitzureden haben.

Dietrich Strothmann