Von Grace Glueck

Grace Glueck ist Redakteurin der "New York Times"

Ob es zu Hause auch noch ein Stück Kunst gibt?" wollte eine Besucherin aus New York am Eröffnungstag der documenta wissen. Die Frage war kein Scherz: Wenn es auf der Biennale in Venedig allzu knapp herging in Sachen amerikanischer Kunst, so wurde auf der IV. documenta gewiß des Guten zuviel getan.

Die US-Künstler, die mehr als ein Drittel der Ausstellung bestreiten und jeder mit zwei bis drei Werken vertreten sind, machen ein komplettes "Who’s who" von Pop, Op, Color-field- und Minimal-Kunst aus: Josef Albers, Ad Reinhardt, Morris Louis, Kenneth Noland, Barnett Newman, Donald Judd, Robert Morris, Larry Poons, Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Roy Lichtenstein, James Rosenquist – um nur ein paar zu nennen. Es sind ohne Zweifel die bei weitem bekanntesten Künstler (inzwischen sogar in Kreisen des "Establishment"), deren Werke man auch in den großen Galerien der Madison Avenue und in den Ausstellungen derjenigen Museen, die in den USA wirklich zählen, sieht.

Aber die documenta war nicht nur großzügig mit Einladungen an "namhafte" amerikanische Künstler, sie gewährte ihnen auch verschwenderisch viel Ausstellungsraum: ein einziges Bild von Al Held nimmt 75 Meter Wand des Fridericianum ein, und eines von Ad Reinhardts berühmten schwarzen Bildern hat einen Raum ganz für sich allein.

Obwohl die documenta Kunst nicht nach nationalen Gesichtspunkten auswählt, war die amerikanische Übermacht dieses Mal beabsichtigt. Die Verantwortlichen machten auch kein Hehl aus ihrer Überzeugung, daß "Amerika zur Zeit tonangebend ist". Eine Reihe französischer Künstler schienen übrigens die documenta dennoch für eine Art nationalen Wettbewerb zu halten. Verärgert über die im Vergleich zu der amerikanischen Mammutschau spärliche französische Beteiligung, drohten sie mit dem Rückzug (ein Plan, den Martial Raysse und Julio Le Parc denn auch in die Tat umsetzten).

Wie dem auch sei: Man kann sich, wenn der Blick an den monumentalen Leinwänden im Fridericianum entlangschweift, des Eindrucks nicht erwehren, daß einige der amerikanischen Künstler unter anderem auch deshalb so in schönster französischer 19.-Jahrhundert-Tradition raumgreifend malen, weil sie es nicht ungern sehen, den größtmöglichen Ausstellungsraum zu okkupieren. In der Tat ist in den USA mehr und mehr ein Hang zum Riesenbild feststellbar, das man nur noch als Biennale- oder Ausstellungskunst bezeichnen kann.