J.M.-M.: Die Mauern reden...

Im ruhig gewordenen Paris ist ein kleines, längliches, schnell herausgebrachtes Buch "Bestseller" geworden. Schwarze Lettern auf geworden. Umschlag: Les murs ont la parole. Und es ist wahr: Im Mai der akademischen Revolution hatten die Mauern das Wort. Inschriften überall. Am besten fielen sie ins Auge, wenn sie mit schwarzer Farbe auf Wände gemalt wurden, die man in den altstädtischen Quartieren zur allgemeinen Ver-Quartieren mit weißem Putz versehen hatte.

Schreibt alles voll!, so lautet eine Inschrift. Man hat nicht (die Zeit zum Schreiben)!, eine andere.

Hatte ich mich längst schon darüber amüsiert, daß auf einem der Nachbarhäuser die Parole Schreibt alles voll! plötzlich durch eine Antwort ergänzt war: Bevor ihr schreibt, lernt erst mal denken!, so war ich recht zufrieden, diesen Mauer-Dialog auch im vorliegenden Büchlein wiederzufinden. Sind doch die Herausgeber fleißig in den von den Studenten-Unruhen betroffenen Vierteln der Stadt umhergelaufen, um vom Geist der Revolution zu retten, was gerettet werden kann. Schon steht weiße Farbe kübelweise bereit, damit die schwarzen Demonstrationen lieblich zugedeckt werden.

Das schwarz-rote Buch kann wohl ein Wegweiser sein für alle, die den Geheimnissen dieser Revolutionäre nachspüren wollen. Und hier gleich zwei Fragen: Hatten Revolutionäre je Humor? Und hatten sie je Poesie?

Lieber Gott, ich habe dich im Verdacht, ein Linksintellektueller zu sein! Welch ein listig-heiterer Stoßseufzer! Und welch eine Ironie, wenn es, analog zu jenem bekannten Tiger-Tank-Slogan heißt: Pack einen Schutzmann unter deinen Motor! Und ist jener Mauerschreiber kein Poet, dem beim Anblick der aufgerissenen Straße der Satz einfiel: Unter dem Pflaster ist der Strand? Jenen aber, die meinen, daß de revoltierenden Studenten sich bloß wichtig machten, sei das bescheidene Bekenntnis entgegengehalten: Ich habe etwas zu sagen, aber ich weiß nicht, was. Und eine Inschrift verheißt kurz und bündig: Nichts! Kann der Nihilismus knapper dargestellt werden?

Der Wert mancher Inschriften wird durch den Ort erhöht, an dem man sie fand. Im Fahrstuhl eines Universitätsgebäudes von Nanterre: Ich schwebe. In der Medizinischen Fakultät: Haben die Gaullisten ein Chromosom zuviel? Im Lift eines Verwaltungsgebäudes: Nehmt nicht den Fahrstuhl; nehmt die Macht!

In Deutschland sind zwei dieser Pariser Sinnsprüche bekanntgeworden: Die Phantasie an die Macht!, und jenes Wort, mit dem die Pariser Studenten sich solidarisch mit Cohn-Bendit erklärten: Wir sind alle deutsche Juden. Und nicht nur hier, sondern allgemein zeigt sich die Radikalität in vergleichsweise milden Formen. Sogar in der Auseinandersetzung mit der Polizei: Ein Polizist schläft in jedem von uns, man muß ihn töten. Oder auch in einem Satz mit Abkürzungen der Kindersprache, der sich am besten ins Berlinische übersetzen läßt: Wenn’ck jroß bin, wer’ck Schupo! Und dann diese Variante auf den Sag-es-durch-Blumen-Werbespruch: Ich liebe dich und sage es durch Pflastersteine.

J.M.-M.: Die Mauern reden...

Manchmal scheint es, daß ein Aphorismus am gleichen Platz eine Steigerung des Ausdrucks hervorgerufen hat. Heißt es anfangs: Hier denkt man, so lautet die Fortführung dieser lapidaren Feststellung: Knöpft euer Gehirn ebensooft auf wie euren Hosenschlitz! Und da wir bei Goldenen Worten sind, hier eines, das ganz typisch ist: Das Goldene Zeitalter war die Zeit, wo das Gold nicht regierte. Das Goldene Kalb ist immer aus Dreck.

Eine spontane Wortschöpfung lautet – nicht etwa: "Hier ist man spontan", sondern: Hier spontaniert man. Die Erlösung von allen Übeln finden wir in dem Satz: Hiermit dekretiere ich den Zustand permanenten Glücks.

Das deutsche Sprichwort von der Würze, die in der Kürze liegt, hat sich an den Mauern des Universitätsviertels links der Seine hundertfältig bewährt, doch sagt es nicht alles. Denn die Kürze ist desto besser, je länger man darüber nachdenken kann. So finde ich in dem Buch zwei Sprüche wieder, die ich mit eigenen Augen schon an den Mauern sah: Seid Realisten, verlangt das Unmögliche! / Und: Ich mag nicht an Wände schreiben!

Da stand ich lange und dachte nach...