Der kleine "Gipfel" von Honolulu, auf dem der amerikanische Präsident und sein südvietnamesischer Kollege Kriegsrat hielten, hat das Dilemma Lyndon B. Johnsons wenn nicht verstärkt, so doch deutlicher sichtbar gemacht. Seit seiner Rede vom 31. März weiß alle Welt, daß der Präsident der USA einen militärischen Sieg in Vietnam nicht mehr für möglich hält. Und in Washington, wo das Ende der Ära Johnson heranrückt, weiß man längst, daß der Texaner als Friedenspräsident in die Geschichte eingehen möchte.

So will Johnson, wenn sich schon das Vietnamproblem vor Ablauf seiner Amtszeit nicht ganz in Ordnung bringen läßt, doch auf jeden Fall den Ausgleich zwischen Moskau und Washington vorantreiben. Deswegen auch kommt ihm der Unruhefaktor Prag offenbar höchst ungelegen.

Die Politik der letzten Präsidentschaftsmonate zielt auf Frieden und Entspannung. Andererseits aber bedrängt Johnson anscheinend die Furcht, er könnte als der Präsident abgestempelt werden, der den amerikanischen "Ausverkauf" in Asien eingeleitet hat. So bleibt ihm nichts anderes als die prekäre Balance zwischen den Friedensbestrebungen auf der einen und der "Wahrung des amerikanischen Gesichts" auf der anderen Seite.

Diese Balance freilich bedingt eine fast komplette Bewegungslosigkeit. In Paris, wo die Amerikaner mit den Nordvietnamesen seit drei Monaten an einem Tisch sitzen, haben sich über ein Dutzend Verhandlungen mühsam dahingeschleppt – ohne daß man einen Millimeter vom Fleck gekommen wäre. Nach wie vor beharren die Nordvietnamesen darauf, daß wirkliche Friedensgespräche erst denkbar seien, wenn die Amerikaner ihre Bombardierungen Nordvietnams völlig und bedingungslos eingestellt hätten.

Dem aber steht mit der gleichen Entschiedenheit die amerikanische Forderung gegenüber, Hanoi müsse sich bereit zeigen, eine solche Einschränkung durch eine erkennbare eigene Kriegseinschränkung im voraus zu honorieren. Die Tatsache, daß Vietcong und Nordvietnamesen sich während der letzten Wochen militärisch zurückgehalten haben, wurde in Honolulu noch nicht als eine solche Geste gewertet. Das um so weniger, als die Militärs vermuten, dies sei nur die Ruhe vor dem Sturm – Ende Juli oder im August stehe eine Neuauflage der Tet-Offensive bevor. Außerdem geht Johnson offenbar davon aus, daß es politisch fatal sei, das Bombardement jetzt einzustellen – und es dann unter dem Druck der Generäle wieder aufnehmen zu müssen.

So hat Johnson, dem die Friedensschalmei wohl lieber wäre, in Honolulu wieder kräftig die Kriegstrommel gerührt. Darin mag auch Taktik gegenüber Hanoi stecken. Aber insgesamt war es doch überraschend, wie umfassend und wie markig er gegenüber Präsident Thieu die amerikanische Bündnisentschlossenheit bekräftigt hat. – Zukunftsaspekte – so etwa die Notwendigkeit, eines Tages eine südvietnamesische Koalitionsregierung (unter Einbeziehung der Nationalen Befreiungsfront) zu konstituieren – wurden allenfalls gestreift; sie stehen derzeit nicht auf der Tagesordnung.

Johnsons Dilemma scheint fest zementiert zu sein. Der Krieg in Vietnam ist zäh, er läßt sich so schnell nicht besiegen. Hans Gresmann