Von Adolf Metzner

Im Auestadion in Kassel probten die Paradepferde des deutschen Sports, die Zehnkämpfer, für Mexiko. Da die DDR-Asse Tiedtke (7904 Punkte) und Klauß (8,07 m im Weitsprung und 7889 Punkte) mondweit entfernt und unerreichbar sind, und auch der Balte Aun, der jetzt Bendlin den Fünfkampf-Weltrekord entriß, nicht nach Kassel kam, mußte der "Trainingspartner" aus Kalifornien herbeigeflogen werden: Bill Toomey, 1967 Weltbester mit 8234 Punkten und 1968 wiederum mit 8030 Punkten.

Mit 7800 Punkten sei er zufrieden, ließ sich der erfolgverwöhnte Trainer Friede! Schirmer, der zum Understatement neigt, vorher vernehmen. Gegen den drahtig-kräftigen Kalifornier traten unsere drei Hünen an: Kurt Bendlin, durch seine gewaltige Muskulatur etwas gedrungen wirkend, mit 8319 Punkten Weltrekordinhaber, Graf von Moltke, der Europameister, mit 32 Jahren der Älteste und Hans-Joachim Walde, Bronzemedaillengewinner von Tokio, der Schlankste, soweit der Ausdruck erlaubt ist, des Terzetts. Die anwesenden rumänischen Zehnkämpfer waren trotz redlichen Bemühens in diesem Klassefeld doch nur Komparsen, die aber die Szenerie belebten.

Im 100-Meter-Lauf schien mir der clevere Toomey in den Schuß gefallen zu sein, nachdem der Starter nur eine Minipause nach dem "Fertig" machte. Aber die 10,4 sec kann der Amerikaner auch ohne Frühstart laufen, Bendlin wurde zwei Meter zurück mit 10,6 sec gestoppt. Auf sein Abschneiden war man besonders gespannt. Seit seinem sensationellen Weltrekord von Heidelberg im vorigen Frühjahr hatte er keinen Zehnkampf mehr absolviert. Arges Verletzungspech plagte ihn. Im Winter wurde zum zweiten Male ein Meniskus, das heißt einer jener beiden keilförmigen Knorpelpuffer in jedem Kniegelenk, die der stärkeren Höhlung der flachen Gelenkpfanne und außerdem noch als eine Art Führungsschiene bei Bewegungen dienen, operativ entfernt. Würde er überhaupt je noch einmal einen Zehnkampf durchstehen können? Außerdem wußte man, daß der in Holstein als Sohn von Flüchtlingseltern aufgewachsene, jetzige Leverkusener zu allem Kummer auch noch an einem "Speerwurfarm" litt, und schließlich plagten ihn noch Schmerzen an der Achillessehne.

So müßte man den prächtigen Athleten statt in der Gloriole eher in seinem Leidensweg beschreiben. Dicht neben der peinlich genauen Rekordliste mit seinen glanzvollen Leistungen liegt das Krankenblatt, das seine Verletzungen und Operationen mit ebensolcher Akribie festhält. Glanz und Elend des modernen Hochleistungssportes! Der Speerwurfarm wird durch Mikrotraumen des Ellbogengelenks, die allmählich zu wuchernden arthrotischen Veränderungen führen, verursacht. Die Ellenbogengelenke der Olympiasieger von 1932 und 1936 gleichen im Röntgenbild bizarren Mondlandschaften. Line Boulevardzeitung hat Bendlin deshalb nach dem Gold Olympias ein Krüppeldasein prophezeit. Das ist eine etwas sehr voreilige Prognose, da die arthrotischen Gelenke oft noch erstaunlich funktionsfähig bleiben.

Die deutschen Zehnkämpfer trainieren mit einer unerbittlichen Härte, und so wird für sie das Training manchmal zu einer Art Zerreißprobe auf dem Prüfstand. Der "locus minoris resistente" – der Ort des geringsten Widerstandes – sind dann die bradytrophen Gewebe mit ihrem tragen Stoffwechsel und nicht, wie gern angenommen wird, das Herz, das eine geradezu märchenhafte Anpassungsfähigkeit an extreme Belastungen besitzt. Aber dieser Kurt Bendlin, scheinbar angeschlagen, wurde, wie sich bald zeigte, der große Gegner des Amerikaners.

Zunächst hatte dieser aber noch seinen starken "ersten Tag". Auch im Weitsprung, der zweiten Übung, wo die Anlaufbahn aus einer Kunststoffmischung bestand, war Toomey etwas besser, 7,39 m zu 7,30 m. Dann kam eine seiner Schwächen, das Kugelstoßen. Nur 14,04 gegen die 15,15 m. des verbesserten Bendlin. Aber ein neuer Paukenschlag im Hochsprung: 1,92 m, gegen die sich die 1,80 m des Leverkuseners etwas bescheiden ausnehmen. Und schließlich als letzte der ersten fünf Übungen der 400-m-Lauf, die mörderischste aller Strecken, wie jetzt unsere Messungen des Säurebasengleichgewichtes bestätigten. Hierbei verschiebt sich der sogenannte pH-Wert sogar nach der sauren Seite hin, bis zu jenem Grenzbereich, der das Leben eben noch erlaubt. Der 400-m-Läufer muß fast mit maximaler Intensität in die eigene "innere Erstickung" hineinlaufen. Toomey konnte dies wie erwartet besser: 48,0 sec gegen 48,6 sec von Bendlin, der die ersten 200 Meter mit 23,3 sec zu langsam "angegangen" war, dann sich aber im Finish noch herankämpfte.