Seit George Orwell seinen utopischen Roman "1984" schrieb, sind zwanzig Jahre vergangen – und schon hat sich an manchen Phänomenen unseres Lebens gezeigt, daß Orwell gar keine Utopia wie seine Landsleute Thomas Morus und H. G. Wells verfaßte, sondern den Versuch einer säkularen Prognose entwarf. In manchem sind wir heute schon über "1984" hinaus. Denken wir nur an die transportablen Minisender, Infrarotkameras und Satelliten, die jeden Quadratmeter unserer Erde beäugen können.

Aber Orwell meinte ja weniger die technische Seite der Entwicklung, sondern vor allem die Deformierung unserer privaten und gesellschaftlichen Existenz: die Saat der Lieblosigkeit, die aller erdenkbaren Gewalt vorausgeht.

Bisher war Bespitzelung eine Sache zentralistischer Parteien oder staatlicher Organe, die Blockwarte, V-Männer und Agenten beschäftigen. Neuerdings jedoch ist bei uns die Menschenjagd zu einem Unterhaltungsspiel geworden, zu einem Pendant jener beliebten Fernseh-Show "Der goldene Schuß", an dem sich Millionen Zuschauer in der Bundesrepublik und in Österreich beteiligen. Der goldene Schuß ist nur ein raffiniertes technisches Spiel – die Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" eine regelrechte Jagd mit Abschußprämien.

Hier soll nicht über die Nützlichkeit (im kriminalistischen Sinn) einer solchen Sendung meditiert werden. Die Erfolge der Jagd-Strecke könnten dafür sprechen. Aber wer wußte bislang etwas über die Qual der irrtümlich "Angeschossenen"? Wer interessierte sich dafür?

Nun, da nach einer dieser Sendungen von "Aktenzeichen XY ... ungelöst" ein unschuldiger Mensch, der 26jährige Pelzhändler Heinz Szwid aus Wien (der sich leichtfertig als Baron in einem kleinen Tiroler Ort ausgegeben hatte), irrtümlich verhaftet wurde und sich verängstigt in einem psychotischen Schock das Leben nahm – nun erfahren wir etwas über die "Nebenwirkungen" der technisch falbelhaften elektronischen Jagd. "Es kommt im Zusammenhang mit dieser Sendung zu Hunderten von Festnahmen. Wenn sich herausstellt, daß der Betreffende unschuldig ist, dann wird er nach kurzer Zeit wieder entlassen, nach einigen Stunden, ein oder zwei Tagen." Das erklärte allein die Wiener Polizei. Was könnten wohl die Polizeidirektionen anderer Großstädte dazu ergänzen?

Wohlgefallen an einer Menschenjagd-Unter- – haltung. Orwells "Großer Bruder" ist ein pathetisches Symbol; insofern ist "1984" antiquiert. Aber die vielen kleinen Brüder, die wir selber sind, verletzen und verwunden sich, denunzieren und jagen einander – wenn es unterhaltsam ist wie im römischen Amphitheater.

Ekkehard Roth