In einem taumelnden Raumschiff muß der Astronaut Hunderte von Dingen tun, um sein Vehikel wieder unter Kontrolle zu bekommen. Währenddessen soll er die Verbindung zur Bodenstation möglichst nicht verlieren – aber wie? Hören und Sehen ist ihm längst vergangen. Kommunikationsschwierigkeiten anderer Art haben Tiefseetaucher, die ein Sauerstoff-Helium-Gemisch atmen. Ihre Sprechversuche hören sich an wie Entengequake.

In beiden Fällen wäre ein Verständigungssystem nützlich, das von Augen und Ohren unabhängig ist. Aus diesem Grunde versuchen Wissenschaftler gegenwärtig in mehreren militärischen und raumfahrttechnischen Labors, die Haut als Sinnesorgan zu nutzen. Seit der Zeit Ernst Heinrich Webers weiß man, welches unermeßliche Sinnespotential auf der Haut brachliegt. Weber, einer der Begründer der Sinnesphysiologie, erfand um 1834 den Tasterzirkel: ein Stechgerät, an dem sich ablesen läßt, wie nahe zwei Empfindungen auf der Haut beisammenliegen dürfen, um noch getrennt wahrgenommen zu werden.

Der Tasterzirkel kann drücken, stechen, kühlen oder erwärmen. Mit solchen Experimenten ermittelten die Physiologen 700 000 druckempfindliche Punkte auf der gesamten Hautoberfläche, 1,2 Millionen Schmerzpunkte, 250000 Kalt- und nur 30000 Warmpunkte. Schnelle Temperaturschwankungen lassen sich technisch nicht herstellen, und so bleiben für ein Hauttelephon aus naheliegenden Gründen nur die Druckpunkte übrig. Dieser primitive Sinn kann eine überraschende Mannigfaltigkeit von Informationen aufnehmen.

Die druckempfindlichsten Körperteile, Fingerspitzen und Zunge, werden meist für andere Zwecke gebraucht. Ein einfacher Morsekode aber läßt sich, so ergaben Experimente, auf die Haut des Unterarms übertragen. Das Gerät wird wie eine Armbanduhr umgeschnallt; ein Vibrationsstift, den ein Magnet betätigt, tickt in kritischen Situationen leicht verständliche Alarmmeldungen auf die Haut, die der Astronaut weder überhören noch übersehen kann.

Mit einigem Training aber können die Raumpiloten ein vollständiges Alphabet zur Brust nehmen. Ingenieure entwickelten eine große Matrix von mehreren Dutzend Reizstiften in mehreren Reihen und Spalten, die man sich unter das Hemd schnallt. Die Stifte tippen dann eine Art vergrößerter Braille-Schrift auf die Brusthaut. Ein anderes Modell benutzt statt der Stifte Druckluftkanülen. Nach einigen Übungsstunden erreichten Testpersonen die beachtliche Lesegeschwindigkeit von 15 Zeichen (etwa zwei bis vier Wörter) pro Sekunde.

Die erstaunlichsten Leistungen freilich erbrachten Experimente mit hörenden Fingerspitzen, so berichtet der Ingenieur George Lawrence jetzt in der Zeitschrift "Electronics World". Die Fingerhaut kann Schallfrequenzen fast ebensogut übertragen wie das Trommelfell des Ohres, und die druckempfindlichen Sinneszellen in der Haut nehmen diese Schallschwingungen wahr. So konnten einige Versuchspersonen tatsächlich mit den Fingern hören. In einem Experiment schickten die Forscher verstärkte Sprechschwingungen auf die Fingerspitzen – und nach dreißig Übungsstunden verstanden die Teilnehmer 50 Prozent der Wörter.

Etwas drastischere Empfindungen verursacht ein taktiler Brust-Rücken-Gürtel mit sechs gleichmäßig verteilten Vibrierstiften. Versuchspersonen fühlen sich wie bei einer Pirouette herumgewirbelt, wenn die Stifte in Zehntelsekunden-Abständen nacheinander aktiviert werden. Manchen wurde sogar übel.

Lawrence empfiehlt solche Systeme als Kursanzeigen für Luft- und Raumpiloten: jede Abweichung von der vorgeschriebenen Fluglage macht sich sofort durch unangenehme Drehempfindungen bemerkbar. Trotz all dieser Forschungen aber gibt es bislang noch kein praktisch einsatzfähiges System zur taktilen Informationsübertragung. Peter Roese