Das Tauziehen zwischen Pretoria und Washington beweist, daß das internationale Währungssystem immer noch krisenanfällig ist

Der südafrikanische Finanzminister Nicholas Diederichs kann sich rühmen, offen zugegeben zu haben, daß er viele Wochen hindurch die Unwahrheit gesagt hat. Seit Monaten versichern die führenden Politiker der Südafrikanischen Union, auch Diederichs, ihr Land werde "nicht eine Unze Gold" auf dem freien Markt verkaufen. In der vergangenen Woche aber ließ Diederichs plötzlich verlauten, bereits im Mai und Juni sei "eine beträchtliche Menge Gold aus neuer Förderung" auf dem freien Markt abgesetzt worden. Diederichs beeilte sich freilich hinzuzufügen: "Unsere Devisenlage hat sich dadurch so verbessert, daß neue Goldverkäufe nun auf lange Sicht nicht mehr nötig sind."

Die überraschende Verlautbarung aus Pretoria war die jüngste Entwicklung im Nervenkrieg um den Goldpreis, der vor allem von den USA und der Südafrikanischen Union mit wachsender Erbitterung geführt wird. Staatssekretär Henry Fowler hat keinen Zweifel daran gelassen, was das Ziel der USA ist: Südafrika soll gezwungen werden, einen so hohen Teil seiner Förderung auf dem freien Markt zu verkaufen, daß der Goldpreis auf das Niveau des offiziellen Notenbankkurses von 35 Dollar je Unze heruntergedrückt und die Goldspekulation entmutigt wird.

Südafrika befindet sich seit März, als in Washington die Spaltung des Goldmarkts beschlossen wurde, in einer mißlichen Lage. Zwar lockt der freie Markt mit höheren Preisen (seit der Spaltung der Märkte schwankt der freie Goldpreis zwischen 37 und 42 Dollar je Unze), aber die Aufnahmefähigkeit ist begrenzt. Nur etwa die Hälfte der jährlichen Neuproduktion von Gold wird für gewerbliche Zwecke benötigt, für den Rest gibt es nur zwei Abnehmer: die privaten Goldhorter und die Notenbanken. Seine früheren Dauerkunden, die großen Notenbanken, hat Südafrika zunächst einmal verloren: Washington übt Druck auf befreundete Länder und den Internationalen Währungsfonds aus, um sie zu "solidarischem Verhalten" zu veranlassen.

Das Netz hat freilich noch große Maschen: sowohl die Bank of England als auch die Banque de France haben infolge von Devisentransaktionen Gold aus Südafrika übernommen, einige kleinere Notenbanken in aller Stille gekauft. Diese heimlichen Verkäufe reichen aber bei weitem nicht aus, um den Ausfall der offiziellen Nachfrage zu ersetzen. Die Frage ist, wie lange es sich Südafrika erlauben kann, auf den Export seines wichtigsten Devisenbringers zu verzichten: die Londoner Wochenzeitung Economist schätzt, daß bereits unverkaufte Goldbarren im Wert von 200 Millionen Dollar in den Tresoren von Pretoria gelagert sind.

Für dieses Gold gibt es gegenwärtig praktisch nur einen Interessenten: die privaten Horter in aller Welt. Spekulanten kaufen freilich nur dann, wenn Hoffnung auf einen steigenden Preis besteht. Gegenwärtig aber gibt es kaum Anzeichen für eine Gold-Hausse. Im Gegenteil: In London will man wissen, daß die Sowjets bald wieder Gold verkaufen werden, um kanadischen Weizen importieren zu können. Und den Versprechungen von Nicholas Diederichs wird man nun noch weniger glauben als vorher.

Der Nervenkrieg um den Goldpreis zeigt, daß das internationale Währungssystem noch immer krisenanfällig ist. Die Chance für wirkliche Reformen ist heute vielleicht größer als noch vor wenigen Monaten, weil sowohl Washington wie Paris kompromißbereit sein müssen. Regierungen und Notenbanken sollten diese Chance nutzen, bevor die nächste Spekulationswelle anbrandet. Diether Stolze