Das Ringen zwischen Moskau und Prag um den Kurs der ČSSR ist in ein entscheidendes Stadium getreten.

  • Das elfköpfige Politbüro der KPdSU reiste unter Leitung von Parteichef Breschnjew zu Gesprächen mit dem Präsidium des Zentralkomitees der KPČ in die Tschechoslowakei.
  • Gleichzeitig ließ der Kreml in Prag eine scharfe Protestnote überreichen. Inhalt: Die tschechoslowakische Führung leiste "konterrevolutionären Kräften" Vorschub, über die "offene Westgrenze" gewännen westliche, vor allem westdeutsche Kreise immer mehr an Einfluß.
  • Im westlichen Rußland begannen umfangreiche Truppenmanöver, die bis zum 10. August dauern sollen und die sich auch auf Gebiete nahe der tschechoslowakischen Grenze erstrecken. Reservisten wurden einberufen.

Über der "Goldenen Stadt" war bereits in der vorigen Woche ein wahres Trommelfeuer an Warnungen und Mahnungen niedergegangen. Mit Noten, Briefen, Pressepolemiken und psychologischem Druck versuchten die Sowjets und ihre orthodoxen Verbündeten die Bevölkerung zu beunruhigen, die reaktionären Kräfte um den abgesetzten Parteichef Novotny zu aktivem Widerstand anzutreiben und die Prager Reformatoren umzustimmen. Den vorläufigen Höhepunkt dieses Nervenkrieges bildete ein "offener" Brief der Parteichefs Polens, Bulgariens, Ungarns, der DDR und der Sowjetunion, die auf einem Gipfeltreffen in Warschau die Lage in der ČSSR beraten hatten (Auszüge vgl. Kasten).

Das Präsidium der KPČ setzte dem Warschauer Brandbrief am Donnerstag ein Schreiben entgegen, das ebenfalls veröffentlicht wurde und das die Warschauer Forderungen elegant aber deutlich zurückwies (Auszüge vgl. Kasten). Am Abend erklärte Parteichef Dubček im Fernsehen: "Wir entscheiden selber, welches sozialistische Modell am besten zur ČSSR paßt. Unsere Partei wird diese historische Prüfung bestehen."

Die Ereignisse des nächsten Tages gaben Dubček Recht. Im Spanischen Saal des Prager Hradschin trat das Zentralkomitee der KPČ zusammen, um den Antwortbrief der Parteispitze zu billigen. Von den 110 Mitgliedern zählten freilich nur 40 zu den überzeugten Reformern, 40 rechneten zu den Konservativen, 30 Mitglieder waren nicht festgelegt.

Doch Dubček hatte Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. 60 fortschrittliche Delegierte für den außerordentlichen Parteikongreß am 9. September waren als "Repräsentanten der Öffentlichkeit" erschienen. Den ZK-Mitglieder wurde bedeutet, der Parteitag könne auch ebensogut am nächsten Tag zusammentreten und die konservativen Genossen schon dann abwählen. Ministerpräsident Cernik gab zu Beginn der Sitzung bekannt, es seien in wenigen Stunden 1700 Telegramme und Resolutionen eingegangen, Hunderte von Arbeiter-Delegationen befänden sich auf der Burg, alle begrüßten den Antwortbrief der Parteiführung.

Das Plenum konnte sich dieser Demonstration des Volkswillens nicht entziehen. Einmütig billigte es das Schreiben des Präsidiums und damit den Reformkurs der Partei. Selbst der Exponent der Konservativen, Kolder, votierte schließlich für Dubček, 22 ZK-Mitglieder waren gar nicht erst gekommen. Als sich auch das Zentralkomitee der slowakischen KP unter seinem konservativen Versitzenden Bilak für die Prager Reformer aussprach, hatte der Demokratisierungsprozeß eine Phase erreicht, in der ihn nur noch nackte Gewalt unterbrechen konnte.