Unser Kritiker sah:

SALOME

Musikdrama von Richard Strauss

Münchner Nationaltheater, Opernfestspiele

Rudolf Heinrich hat sich als interpretierender Bühnenmaler selbst übertroffen: Selten zuvor sind die Stationen des Einakters von Strauss so szenenbeherrschend begleitet worden von orientalischen Nachtstimmungen, gefiltert durch europäische Fin-de-siècle-Dekadenz.

Immer wenn Rudolf Heinrich einen Regisseur hat, der ein eigenes Konzept besitzt, bringt auch der Bühnenbildner Bedeutendes hervor: Wie früher mit Felsenstein, so mit Günther Rennen bei dessen Salzburger "Figaro" und jetzt für die Münchner "Salome". Rennens Forderung nach einem "von orientalischer Sonne und heißen Wüstenwinden zerfressenem Schauplatz" realisierte Heinrich durch eine Arena, die terrassenförmig absteigt zu ihrem Mittelpunkt, der Zisterne Jochanaans.

Auf diesem idealen "Salome"-Territorium zeigt Rennert eine Meisterinszenierung. Ihre Träger waren in erster Linie die Darsteller von Nebenrollen: das Juden-Quintett, trotz seiner verzwickten Ensemble-Rhythmik fast solistisch arrangiert, die beiden Nazarener und die Musikanten, die Salomes Tanz auf der Bühne begleiten. Wohl kaum wegen ihres Stimmenglanzes, wohl aber als vollkommen ihre Charakterpartien darstellende Singschaupsieler heimsten den Löwenanteil des Schlußapplauses Gerhard Stolze (Herodes) und Astrid Varnay (Herodias) ein. Thomas Stewart als Jochanaan wirkt mehr als Mann denn als Prophet auf Salome, sein kraftvoll strömender Heldenbariton war hörenswert.