Zwischen Bebenhausen, Bonn und Washington tickerten bei Wochenbeginn die Fernschreiber. Von seinem Urlaubsort aus empfahl Bundeskanzler Kiesinger seinem in Amerika weilenden Verteidigungsminister Schröder, eine "räumliche oder zeitliche Veränderung" des Manövers "Schwarzer Löwe" zu erwägen.

Die Aufregung über die Bundeswehrübung hatte zu diesem Zeitpunkt längst das sommerliche Bonn aufgeschreckt und das Klima in der Großen Koalition erneut belastet. Grund: Das II. Korps der Bundeswehr, Einheiten der 7. US-Armee und Verbände der Luftwaffengruppe Süd sollten vom 15. bis 21. September mit scharfer Munition in Süddeutschland den Bewegungskrieg üben – teils hart an der tschechoslowakischen Grenze.

Obwohl schon lange vor Beginn der Prager Reformen geplart, könnte der westliche Truppenaufmarsch der Sowjetunion jetzt willkommenen Anlaß bieten, militärisch in der ČSSR einzugreifen – zum Schutz der "offenen Westgrenze". Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Helmut Schmitt, witterte als erster politische Implikationen und versuchte in Fernschreiben an Kiesinger, Schröder und Bundesaußenminister Brandt, die Manöverpläne zu vereiteln. Brandt im Fernsehen: "Diese Manöver passen nicht in diese Landschaft – im direkten und übertragenen Sinne des Wortes."

Schröder indes zeigte sich "befremdet" und versuchte Zeit zu gewinnen. Die Entscheidung über den "Schwarzen Löwen", so erklärte er vor seiner Abreise, liege "bis zur Veranstaltung ganz in den Händen der Veranstalter". Diese Hinhaltetaktik veranlaßte den SPD-Pressedienst am Montag, die "Naivität und Instinktlosigkeit" des Ministers zu beklagen und indirekt Schröders Rücktritt zu fordern. Einmal mehr hatte Bonn seinen Sommer-Skandal.