Europa mit den Kanarischen Inseln zu tauschen, bereitet Freude. Ein leitender Beamter der Brüsseler EWG-Kommission gönnt sich diese Freude zwölf Monate lang. Er kann es sich leisten. Wie 325 andere Kollegen höherer und niedrigerer Chargen, kehrt er der Gemeinschaft der Sechs den Rücken, weil nach der Vereinigung der drei europäischen Spitzenbehörden in Brüssel nicht mehr Platz für alle ist. Rationalisierung heißt die Parole – die der Gemeinschaft teuer ist. Je nach Alter und Dienstzeit können die Weiterzahlung der Bezüge, die Abfindung für angesammelte und verzinste Versorgungsansprüche stattliche Summen erreichen – bis zu 200 000 Mark für einzelne Beamte.

Teuer für Europa wird auch Frankreichs Bewältigung der revolutionären Vergangenheit.

Couve de Murvilles Außenminister Michel Debré mußte am letzten europäischen Mini-Verrat den eigenmächigen Entschluß Frankreichs verantworten, die Einfuhren bestimmter Waren zu erschweren. Debré hielt, wie ein Sitzungsteilnehmer bissig meinte, "eine in der Sache unwesentliche, aber flammende Propagandarede", um de Gaulles selbstherrliches Vorgehen zu rechtfertigen. Die EWG-Partner aber kritisierten hart die neuen Handelsschranken: "Italien hatte 1963/1965 eine ähnliche Krise, aber es bürdete den Partnern nicht seine Lasten auf", donnerte der römische Außenhandelsminister Russo in den Saal.

Dann jedoch beschlossen alle fünf Partner Frankreichs in schöner Einmütigkeit, der französischen Wirtschaft solidarisch beizustehen. "Schließlich nützt es niemand, wenn das Land nicht wieder auf die Beine kommt", meinte Klaus von Dohnanyi, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, völlig zu Recht. Diese von gutem Willen und einem gehörigen Schuß Eigeninteresse getragene Hilfsbereitschaft hatte Paris längst in Rechnung gestellt. Kleine Konzessionen bei der Bemessung der Importkontingente stehen als Trostpreise bereit – und waren von den geschickten französischen Diplomaten wohl auch von vornherein einkalkuliert.

Mehr – etwa die beschleunigte Abschaffung dieser Einfuhrhemmnisse auf Weisung der hierzu befugten Europa-Kommission – läßt de Gaulles Gloire nicht zu. Die vom souveränen Frankreich gefaßten Beschlüsse unter dem Druck der Partner oder der "vaterlandslosen Technokraten von Brüssel" wieder abzublasen, das wäre zuviel. So setzte Debré in seiner Rede auch die Akzente.

Als die Partner in ihrem Beistandsbeschluß die Möglichkeit ins Auge faßten, es französischen Anleiheemittenten zu erleichtern, Kapital zur Modernisierung der gallischen Industrie aus der ganzen EWG heranzuholen, rief Jean Pierre Brunet, baumlanger und ewig pfeiferauchender Leiter der Wirtschaftsabteilung im Pariser Außenministerium, fröhlich über den Ratstisch: "Geld brauchen wir nicht – das haben wir selbst." Debré assistierte: "Gäbe man es uns zinsverbilligt, dann wäre die Sache nicht so untergeordnet." Als das EWG-Dokument mit dem Beistandsbeschluß für Frankreich formuliert wurde, störte es das feine Sprachbewußtsein von de Gaulles Außenminister, daß von Anleihen in "Landeswährung" die Rede war. "In nationaler Währung" müsse es doch wohl heißen, warf er ein.

Brüsseler Experten entdeckten jetzt zu ihrer Freude, daß Frankreich trotz solcher Spitzfindigkeiten so eng an die EWG gebunden ist, daß alle Sorgen vor einer Abwertung des französischen Franken eigentlich abwegig sind. Das Geheimnis liegt in der verzwickten EWG-Agrarpolitik: Im Durchschnitt werden 36 Prozent des französischen Familienbudgets für Nahrungsmittel ausgegeben, gut 85 Prozent dieser Lebensmittel sind schon EWG-Marktordnungen unterworfen, die Preise in Goldeinheiten fixiert. Das bedeutet: etwa ein Drittel der für Frankreichs Lebenshaltungskosten entscheidenden Waren würde bei einer Abwertung teurer. Dann müßten aber auch die an den Index der Lebenshaltungskosten gekoppelten Mindestlöhne erhöht werden. Die schon jetzt stark ramponierte Wettbewerbsstellung der französischen Industrie erhielte durch eine solche Entwicklung einen neuen schweren Schlag.