Von Gottfried Sello

Was bedeutet die Herkunft des Künstlers für seine Arbeit? Was bedeutet sie im Falle Henry Moore? Henry Moore ist am 30. Juli 1898 in Castleford in der Grafschaft Yorkshire als siebentes Kind von Raymond Spencer Moore, einem Bergmann, geboren. Ist die Herkunft aus dem Bergarbeiterstand ein Schlüssel zu seinem Werk? Die meisten seiner Interpreten vermuten einen Zusammenhang. Vorsichtig äußert sich Werner Hofmann ("Plastik des 20. Jahrhunderts"): "Das Höhlenerlebnis, das bergende Dunkel, die Spannung zwischen Schale und Kern, innerer und äußerer Form – alle diese Themen des Bildhauers könnten auf frühe Bewußtseinsprozesse zurückgehen." Mir hat das nie eingeleuchtet. Ein Bildhauer, der nie im Stollen war, hätte zu den gleichen Ergebnissen kommen können.

Nicht in seinem Werk, allenfalls in seinem Benehmen, in seinem Verhalten zur Umwelt beweist sich die soziale Herkunft. Unter allen prominenten Künstlern ist er der bescheidenste und unauffälligste – mit einem absolut unerschütterlichen Selbstbewußtsein. Gemessen läßt er offizielle Ehrungen über sich ergehen, ein Mann, der weiß, was er wert ist. Nur den "Sir" soll er schon, bevor er 60 wurde, abgelehnt haben.

Auch und gerade in seinem 70. Jahr ist er der meistgefeierte, der meistgepriesene Bildhauer der Epoche. Im Katalog der eben anlaufenden Jubiläumsausstellungen ist das Kalendarium der Ehrungen dieses Jahres aufgeführt:

28. April Einstein-Preis in New York;

3. Mai Erasmus-Preis in Arnheim, überreicht vom Prinzen Bernhard der Niederlande, und Eröffnung der Ausstellung im Rijksmuseum Kröller Müller in Otterlo;

28. Mai Ehrendoktor der Universität von Toronto