Viele England-Besucher wissen ein garstig Lied zu singen von Großbritanniens mißtrauischen, bisweilen sogar schroffen Einwanderungsbeamten. in einem sehr kritischen Artikel, den wir hier abdrucken, hat sich jetzt der Londoner "Observer" des Themas angenommen.

Hans Jürgen Stellbrink ist 21 Jahre alt. Er steht kurz vor dem Abschluß seines Studiums an der Universität Mainz. Der junge Mann wirkt sehr seriös, gibt sich präzise, sogar ein bißchen formell. Er ist bisher viermal in England gewesen, kürzlich sogar zu einem Studienaufenthalt von sechs Monaten am Ealing Technical College. Offenbar hatte ihn das englische Erziehungssystem so beeindruckt, daß er darüber seine Abschlußarbeit schreiben will.

Vor einiger Zeit fand Stellbrink, daß er noch einmal nach England fahren müßte, um ein paar zusätzliche Recherchen anzustellen. Er lebt von einem Stipendium, und wie alle Studenten ist er stets knapp bei Kasse. So entschloß er sich, per Anhalter aufzubrechen. In London, das wußte er, würde er bei der Familie seiner Freundin als Gast willkommen sein, und im übrigen glaubte er, daß er mit seiner Arbeit in drei Tagen fertig sein würde. So brauchte er nur das Geld für die Kanalüberfahrt aufzubringen – etwa 25 Mark für jede Strecke. Seine Freunde in London von seiner Ankunft zu verständigen, hielt er für überflüssig, denn schließlich waren seine Beziehungen zu der jungen Engländerin so eng, daß er sicher war, ihre Familie würde ihn gern aufnehmen. Bei seinen früheren Besuchen hatte er die meisten Abende dort im Haus verbracht. (Heute lebt das Mädchen übrigens bei der Familie Stellbrink in der Bundesrepublik.)

Per Anhalter legte Stellbrink also etwa 700 km bis Ostende zurück und nahm dann die Fähre nach Dover. Als er dort ankam, war er ziemlich erschöpft, er hatte wenig geschlafen, und gut rasiert war er auch nicht gerade, jeder Einwanderungsbeamte, das gibt Stellbrink zu, hätte ihn leicht für ein typisches Exemplar der rebellischen Jugend halten können.

Als er vor dem Schalter der "Immigration Control" stand, holte ihn ein Einwanderungsbeamter aus der Schlange heraus und begann ihn zu verhören: Was er in England wolle, wieviel Geld er habe und wie lange er zu bleiben beabsichtige? Stellbrink hatte etwa 80 Mark, nicht viel natürlich, aber, so erklärte er dem Beamten, er wolle nur drei Tage bleiben, und er wisse, daß er bei seinen Freunden wohnen könne. Der Student wurde – derart in der Öffentlichkeit verhört – ein bißchen nervös und erwähnte seine "Verlobte" und die "Familie seiner Verlobten".

Der Einwanderungsbeamte ging nun daran, Stellbrinks Taschen zu durchsuchen, sein Gepäck und auch seine Brieftasche. Schließlich forderte er den Studenten auf, er möge ihm alle Papiere, die in der Brieftasche waren, übersetzen. Auch fragte er den jungen Deutschen, ob er vielleicht einen Liebesbrief vorweisen könnte, aus dem sich ergäbe, daß er tatsächlich bei der englischen Familie willkommen sei.

Schließlich ging der Beamte zum Telephon und rief die Familie des Mädchens an. Er fragte die Mutter, ob ihre Tochter verlobt sei und ob sie gegenwärtig ihren Verlobten erwarte. Die Mutter sagte zweimal "nein". Dann ließ sich der Beamte das Mädchen selber geben und fragte, ob sie Freunde in Deutschland habe. Sie antwortete: "Ja, mehrere." Der Beamte fragte sie darauf, ob sie einen deutschen Freund habe, der sich mit Recht als ihr Verlobter ausgeben könne. Sie sagte: "Ja, Hans Jürgen Stellbrink."