Nürnberg

Horst W. Blome, "Arbeiter an der Gesellschaft" und Ladenbesitzer des "Drugstore Cuba Libre" in einer Person und Amtsgerichtsrat Willi Meier, saßen kürzlich in Nürnberg gegenseitig zu Gericht. Meier-Urteil: Vier Monate Gefängnis und 150 Mark Geldstrafe wegen Verbreitung unzüchtiger und jugendgefährdender Schriften sowie Erregung öffentlichen Ärgernisses; Blome-Urteil: "Richter Meier, Sie sind ja so trotzig..."

Delikt Nummer 1: Blome hatte sich kurz vor dem letzten Weihnachtsfest in seinem Kabarett "Die Hintertreppe" bis auf die Socken entkleidet und dabei aus Houston Stewart Chamberlains "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" vorgelesen. Kriminalhauptmeister Heinrich Ziegler war zwar der Chamberlain-Text "zu hochstehend", doch zeigte er sich angesichts der Blome-Blößen "als Bürger" auf dem Posten: Er nahm "Anstoß" und rechtfertigte damit die Geldstrafe.

Delikt Nummer 2: Blome hatte am Reformationstag 95 Thesen "mit Liebe und Eifer bei der Findung der Wahrheit" ans Portal der St.-Sebaldus-Kirche geheftet. Tenor: "Gott ist tot – Che lebt."

"Es ist für den Einzelrichter schwer, einen Sonderling wie den Herrn Blome zu erfassen", erklärte der Richter und klappte die Akten zu. Woher hätte er auch wissen sollen, daß dieser Angeklagte die "Scherben" sorgfältig und ohne Selbstmitleid auf seinen Lebensweg gestreut hat. Daß er schon in "Autoritätskonflikte" gerät, wenn er nur mit der Straßenbahn fährt? 1956 schon hatte der freiwillige Offiziersanwärter beim Panzerjäger-Lehrbataillon in Bremen entdeckt, daß Panzer "sinnlos und bedrohend" wirken. Er heftete das Zeichen der Kriegsdienstverweigerer an seine Uniform, zwei Fäuste, die ein Gewehr zerbrechen. Vier Wochen Jugendarrest folgten einer langen Auseinandersetzung mit der Bundeswehr.

Blome plädiert für einen "fröhlichen Sozialismus" und versteht es, seinen Aktionen eine besondere Note zu geben. Mit einer Kindertrompete und dem Schild "Hier tagt die Familie Saubermann" ist er als Vorhut einer SDS-Kohorte in die Tagung der Gruppe 47 in der fränkischen Pulvermühle eingedrungen; als Musiker des städtischen Konservatoriums getarnt, erreichte er die Bühne der schwerbewachten Meistersingerhalle am Nürnberger SPD-Parteitag und ließ aus einem Geigenkasten Flugblätter auf die Delegierten regnen; zu Ostern 1968 ließ er dem Leiter der Politischen Polizei, der gerade eine Demonstration observierte, die Luft aus dem Reifen seines Dienstwagens.

Das "Monster"-Heft mit dem Dracula-Kopf, das Blome "Richter Meier" am ersten Prozeßtag entgegenhielt, stammte aus dem Sortiment seines "Drugstore Cuba Libre". Den Agit-Pop-Shop für Revolutionsbedarf hatte er eröffnet, nachdem ihm die Stadt Nürnberg die Weiterführung des Kabaretts – "Gewerbe ohne höheres Kunstinteresse" – untersagt hatte. Bewußtmachungs-Material für Anfänger und Fortgeschrittene liegt in geballter Ladung aus. Zeitschriften wie Pest, Kerbholz, Linkeck, Charlie Kaputt; die Peking-Rundschau, Kubas Parteizeitung Granma, Rat, Evergreen und Village Voice aus New Yorks Underground. Unter der Spitzmarke "Pornographie" wird "Der junge Soldat", eine Schrift der Heilsarmee, angeboten. Papierblumen und Stahlruten sind zu haben – je nach der persönlichen Einstellung der Kunden zum Problem der Gewalt. Mitbestimmungsbroschüren der IG Metall neben Mickey Mouse, in der sich Onkel Dagobert seine zusammengerafften Dollars auf den Kopf prasseln läßt – stärkste ideologische Gegensätze also!