Wangen im Allgäu

Was dem einen sien Ul, ist dem anderen sien Nachtigall. Das ist das Ergebnis der Eulenspiegeleien um die Bürgermeisterwahl in dem Allgäuer Käsestädtchen Wangen am 9. Oktober 1966. Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof hat nun, nach beinahe zwei Jahren entschieden, daß die Wahl von Bürgermeister Wilhelm Uhl ungültig ist und wegen gesetzwidriger Wahlbeeinflussung wiederholt werden muß.

Ein Flugblatt von Uhl-Freunden vom 8. Oktober 1966 war der Stein des Anstoßes: "Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr distanzieren sich von der Haltung des Gewerkschaftssekretärs Günter Hoch und empfehlen die Wiederwahl von Bürgermeister Wilhelm Uhl." Über den letzten Halbsatz ist der Altbürgermeister gestolpert.

Über 200 Bürger erhoben Einspruch: Die Wähler Wangens, zumindest die 3500 im Deutschen Gewerkschaftsbund organisierten Metaller, Textiler, ÖTVer oder Bauer, seien durch "objektiv unrichtige oder mindestens nicht erweisbare Tatsachenbehauptungen und Werturteile über die ihrer Beurteilung unterliegenden und für ihre Entscheidung maßgebenden Verhältnisse getäuscht worden und deshalb nicht in der Lage gewesen, sich eine freie Meinung zu bilden". Wie bei Massenauflagen heute üblich, stand in dem Flugblatt vorn nämlich etwas anderes als hinten. Die beiden in dem Flugblatt veröffentlichten Briefe des Stuttgarter Landesleiters der ÖTV, Kurt Heinkele, enthielten nämlich gar keine Empfehlung für Uhl.

Günter Hoch, SPD-Landtagsabgeordneter und SPD-Stadtrat, zugleich auch DGB-Kreisvorsitzender von Wangen, hat es auch sofort gemerkt. In seiner Brust schlagen zwei Herzen. Als SPD-Stadtrat hatte er nie einen Hehl daraus gemacht, daß er gegen die Wahl des CDU-Favoriten Uhl war. Als DGB-Funktionär wiederum hatte er sich parteipolitischer Objektivität zu befleißigen. Das war aber zu viel verlangt. In einer Betriebsrätetagung hatte er nur seinem Bürgermeisterkandidaten Dr. Leist, nicht aber dem Kandidaten Uhl eine "Plattform" verschafft. Da Uhl ÖTV-Mann ist, wurde diese Hoch-Aktion vom ÖTV-Landeschef Heinkele in einem Brief beanstandet, allerdings mit dem Vermerk "vertraulich". In einem Kleinstädtchen wird aber auch das Vertrauliche jedem anvertraut. Und so wurde Heinkeles Brief zum Flugblatt, einen Tag vor der Wahl, Auflage 1500.

Höch reagierte mit einer Gegendarstellung, einem Flugblatt am Wahlsonntagmorgen, Auflage 1700. Da man aber in Wangen unmittelbar nach dem Kirchgang wählt, und die Kirche schon sehr früh zum Gottesdienst läutet, kam Höchs Blatt in den meisten Stadtteilen zu spät. Ergebnis: 3950 Stimmen für Uhl, 3688 für Leist. 133 Stimmen mehr für Leist, und Wangen im Allgäu hätte viel Geld gespart.

Was DGB-Höch versiebt hatte, konnte SPD-Hoch wiedergutmachen und zwar im Gemeinderat. Er befürwortete die Wahleinsprüche: Die gesetzwidrige Empfehlung Heinkeles für Uhl habe das Wahlergebnis beeinflußt. Der Landrat folgerte in der gleichen Richtung und wies die Widersprüche seines Kreisstadt-Bürgermeisters gegen diesen Gemeinderatsbeschluß zurück.