Von Marion Gräfin Dönhoff

Nie zuvor stand das Volk der ČSSR so geschlossen hinter seiner KP, noch nie waren Tschechen und Slowaken so einig wie derzeit unter dem Druck Moskaus. Der Vorsitzende der slowakischen Regionalregierung Husak, der alte Vorkämpfer slowakischer Unabhängigkeit, erklärte, daß die Partei und das Volk der Slowakei einstimmig hinter Dubček stünden. Auch die Parteiorganisation der tschechoslowakischen Armee hat Dubček für sich und die ganze Armee unbedingten Gehorsam zugesagt.

Eine Woge der Solidarisierung geht über das Land. Ganze Belegschaften fassen Resolutionen oder rufen zum entschlossenen Widerstand gegen Einmischung von außen auf. Der sowjetische Botschafter wird von einer Flut von Protestbriefen überschwemmt. Stolz blickt man auf Dubček, der die Zusicherung gab: "Wir werden unsere Souveränität als Marxisten-Leninisten verteidigen, wir könnten gar nicht anders." Wer heute den Versuch unternehmen wollte, die neuen Führer der ČSSR abzusetzen oder auszuwechseln, der müßte gewärtigen, daß viel Blut fließt.

Die in der vorigen Woche unter Führung der sowjetischen KP versammelten "Bruder-Parteien" hatten den Brief, mit dem sie ihren Forderungen und Drohungen Ausdruck verliehen, nicht wie sonst üblich an das Präsidium des ZK adressiert, sondern listigerweise an das Plenum, das sich ja noch etwa zu einem Drittel aus Novotny-Anhängern zusammensetzt. Aber diese List verfing nicht. Jener Brief aus Warschau ließ die Parteigänger des entmachteten Generalsekretärs – soweit sie zu der sofort einberufenen ZK-Vollversammlung überhaupt erschienen waren – verstummen. Von den 110 Mitgliedern des ZK waren nur 88 gekommen, und diese billigten einstimmig Dubčeks Haltung.

Bei der Eröffnung dieser außerordentlichen Sitzung in Prag teilte Ministerpräsident Cernik mit, daß in wenigen Stunden 1700 Telegramme und Entschließungen eingegangen seien, die Zustimmung zu dem Antwortbrief ausdrückten. Außerdem befänden sich, so sagte er, zur Stunde Hunderte von Solidaritätsdelegationen der Arbeiterschaft auf der Burg. Kein noch so gewieftes Public-Relations-Büro hätte eine Methode ersinnen können, die in so durchschlagender Weise die öffentliche Meinung beeinflußt und die allgemeine Stimmung augenfällig gemacht hätte, wie jener Brief an das Plenum.

Es ist ganz unverständlich, warum es der sowjetischen Führung so schwerfällt, die wirkliche Situation zu begreifen. Sie glaubt offenbar tatsächlich an die Mär von den Konterrevolutionären. Sie ist ganz einfach Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden. Die "Prawda" schrieb: "Die politische Opposition wuchert im Lande. Ihr gehören Überreste der entmachteten Ausbeuterklasse, rechtsnationalistischer und revisionistischer Elemente an, die gegen den Sozialismus kämpfen."

Im Kreml kann man sich offenbar nicht vorstellen, daß es in Prag die KP ist, die die Reformen will, und daß die Majorität des Volkes hinter dem Generalsekretär dieser KP steht. Eben darum haben die sowjetischen Führer sich immer wieder verschätzt. Erst versuchten sie es mit dem alten Rezept: Zuckerbrot (von 500-Millionen-Rubel-Kredit war die Rede) und Peitsche (Gerüchte über die Einstellung der Mehl- und Benzinlieferungen). Dann wurden Manöver angesetzt, offenbar in der vergeblichen Hoffnung, die Novotny-Anhänger würden die Gelegenheit zu einem Umsturzversuch benutzen.